ActMobCmp in München

7. Januar 2016  |

Zugegeben, der Zeitpunkt für das erste Barcamp zum Thema »Aktive Mobilität« war – so gleich hinter Neujahr – etwas unglücklich.

Allerdings waren die beiden ActMobCmp-Tage in Unterhaching ein umfänglich gelungener und motivierender Jahresauftakt.

Doch, was ist eigentlich ein Barcamp? ― Das ist gar nicht so einfach zu erklären, denn ein Barcamp bzw. Unkonferenz ist viel mehr als »eine Konferenz ohne Redner«. Das eigentlich Faszinierende ist vielmehr, dass die Konferenz von den Teilnehmern selbst gestaltet wird, und dass die Teilnehmer durch die Bank hoch motiviert sowie bereit sind, Wissen und Können vorbehaltlos zu teilen. – Wir haben inzwischen an zwei Barcamps teilgenommen und auch als Novizen ein paar sogenannte Sessions gehalten und sind von diesem Format begeistert.

Aktive Mobilität – ein Paradigmenwechsel

Das Thema des ActMobCmp war: Aktive Mobilität. Hinter dieser Wortschöpfung verbirgt sich jedoch weit aus mehr als ein griffiger Slogan. Es geht viel mehr darum, neben dem Motorisierten-Individual-Verkehr (MIV) und dem Öffentlichen-Personen-Nah-Verkehr (ÖPNV) eine dritte und gleichberechtigte Säule für die Verkehrspolitik zu schaffen: die Aktive Mobilität. Bisher werden nämlich Fußgänger, Radfahrer usw. despektierlich als »Restverkehr« bezeichnet und behandelt und dies gilt es nachhaltig zu ändern.

Mobilität ist ein sehr hohes Gut und ist weit aus mehr, als der Verkehr durch Auto, Bahn und Flugzeug. Bei der Mobilität steht die Gesamtheit der menschlichen Bedürfnisse im Mittelpunkt und diese lässt sich nicht auf die Verfrachtung von A nach B reduzieren. Es ist vielmehr höchste Zeit einen Kulturwandel bzw. -erweiterung in der Mobilität herbeizuführen.

Auch wenn wir im Moment billige Ölpreise haben und die Mobilität nicht federführend an der Klimaerwärmung beteiligt ist, die bisherige, fossil geprägte Mobilität – »motorisiert ist besser als nicht-motorisiert«, »schneller ist besser als langsamer«, »weiter ist besser als näher« (Quelle) – ist kein Zukunftsmodell. Die Aktive Mobilität berührt und verändert daher alle Lebensbereiche, von der Qualität des öffentlichen Raums, der Gesundheit, unsere Stadt- und Siedlungsstrukturen bis zur Umwelt. Vertiefende Informationen dazu gibt es im aktuellen Movum Heft 9.

Wir hatten das Glück, dass Jörg Schindler – einer der Vordenker der Aktiven Mobilität – eine Session über die historisch-kulturellen Hintergründe hielt, bei der einem ganze Lichterketten aufgingen. Nachzulesen ist das Ganze auch in seinem Buch Postfossile Mobilität.

So umfassend wie das Thema des barcamp war, so bunt und vielfältig waren die einzelnen Sessions. Der Chronist hat zum Beispiel eine Session zum »Runden Fahrradtisch Weil der Stadt« angeboten. Dabei habe ich nicht darüber referiert, was dort alles (nicht) passiert ist, sondern in die Runde gefragt, »wie man so was besser machen kann«. Das Ergebnis war ein breites Portfolio an Praxis-Tipps und Kontakten, zumal in meiner Session hochkarätige Praktiker mitwirkten, wie der bayerische ADFC-Landesvorsitzende oder der Leiter der Stabstelle Mobilität der Stadt München. Merke: Auf barcamps tummeln sich weniger träumerische Weltverbesserer, sondern meist ausgesprochen wache und offene Menschen, die für ein Thema brennen und im Rahmen des Möglichen etwas bewegen und verändern wollen.

Die zwei Tage an der Münchner Peripherie waren für uns ein enormer Zugewinn an Erkenntnissen und Zuversicht. Nicht nur auf persönlicher Ebene durch den Austausch und der Begegnung mit interessanten Menschen, sondern auch für Velotraum als Fahrrad-Marke. Wir werden nicht nur in Zukunft Fahrräder entwickeln und bauen, die in vielerlei Hinsicht zur Aktiven Mobilität passen. – Wir sehen uns auch in unserer bisherigen Markenphilosophie bestätigt, schließlich stehen unsere Produkte seit vielen Jahren unser Motto: Fahrrad als Lebensmittel.

Wir wollen uns noch für die hervorragende Organisation durch das ActMobCmp-Team bedanken und wir hoffen/wünschen uns ein ActMobCmp fürs Grün regierte Auto-Ländle :-)

Kommentare

  1. Eberhard am 7. Januar 2016:

    Hallo Stefan, zuerst einmal Danke für den Artikel, den ich gerne in die Liste der positiven Nachbetrachtungen mit aufnehme :-) Das #AktMobCmp im Ländle haben wir gestern abend schon angedacht. Ich bringe da in den nächsten Tagen etwas auf den Weg und halte Euch da auf dem Laufendenden, Liebe Grüße Eberhard

  2. Armin Falkenhein am 7. Januar 2016:

    Hallo Stefan, das Barcamp war auch für mich eine neue, positive Erfahrung. Danach traf ich auf den Spruch eines Jazzmusikers: “Improvisation ist Nahrung für das Hirn”. Improvisation, gepaart mit einer Menge Professionalität, zeichnete diese zwei Tage aus. Dabei auch auf so engagierte Vertreter der Fahrradbranche, wie Dich, zu treffen, fand ich toll. Ich wünsche Dir bei Deinen Aktivitäten vor Ort viel Erfolg! Ich hoffe, der ADFC kann da auch an der einen oder anderen Stelle aktiv mitwirken. Und denkt bitte immer daran: Die vielen ehrenamtlich Aktiven des ADFC (auch ich als bayerischer Landesvorsitzender bin ehrenamtlich aktiv) brauchen die Unterstützung durch mehr Mitglieder, damit wir unsere Arbeit vor Ort, in den Bundesländern, in Berlin und auch in Brüssel professioneller und noch erfolgreicher leisten können: für mehr aktive Mobilität in diesem Land!
    Liebe Grüße, Armin Falkenhein, ADFC Bayern

  3. Johannes am 8. Januar 2016:

    “Autofasten”: Verantwortung für die Schöpfung leben

    Evangelische Landeskirchen sowie katholische Bistümer in Deutschland und Luxemburg laden in diesem Jahr erneut zum “Autofasten” ein.

    Ziel der zum 19. Mal stattfindenden Aktion sei, Verantwortung für die Schöpfung im Alltag bewusst zu leben und über eigene Mobilitätsgewohnheiten nachzudenken, heißt es auf der Homepage.

    Vom 21. Februar bis 20. März sind Autofahrer aufgerufen, ihr Fahrzeug so wenig wie möglich zu nutzen.

    http://www.jesus.de/blickpunkt/detailansicht/ansicht/verantwortung-fuer-die-schoepfung-leben202987.html

  4. Arndt Seidel am 8. Januar 2016:

    Postfossile Mobilität?
    Von klugen Leuten, die befreit von aller Konkurrenz und materiellen Sorgen sich neue Sorgen erfolgreich suchten, habe ich vor langer Zeit gelernt, dass spätestens im Jahr 2000 das Rohöl versiegt sein wird.
    Heute ist gefühlt die CO2-Vermeidung der Götze, Weltretter und neue Diktator. 4 Teile davon in 10.000 Teilen Luft solle diese global erwärmen. Etwa 1 Teil davon sei vom Menschen erzeugt? Wer glaubt so etwas tatsächlich? Er möge sich melden und diesen Vorgang nachvollziehbar erklären.
    Was habe ich gestern von einem Mexikaner gelernt? Weltweit sterben täglich mehr als 700 (!) Menschen allein durch Drogen. (Post-) Fossilien werden nach meiner Erfahrung irgendwann in ein schönes Gebäude geliefert in eine Glasvitrine gestellt.

    PS: Räder sind zum Radeln da und die Freude daran lasse ich mir/wir uns nicht nehmen. Schön wenn manche Zeitgenossen nur noch auf grünen Straßen Rad fahren (können). Aber auch jeder Velotraum-Euro wird letztlich durch Rohstoffe und -öl generiert. Oder darf man die nächste Radl-Rechnung mit CO2-Zertifikaten bezahlen?

  5. Ralf aus Hannover am 9. Januar 2016:

    Hallo Arndt,
    wenn ich Deine Positionen mal zusammenfasse: Du zweifelst sowohl am Klimawandel als auch an der Endlichkeit der fossilen Energieträger ! Ich würde mal sagen, das ist schon eine ziemlich extreme Position. Gletscherschmelze, Auftauen von Permafrostböden, Meeresspiegelanstieg, Wüstenausbreitung, Häufung von Wetterextremen alles nur Hirngespinste von besserverdienenden linken Spinnern und Technikgegenern ? Gerade mit solchen tollen Rädern, wie denen von Velotraum, lassen sich Ökonomie und Ökologie und gesunder Lebensstil bestens vereinen. Natürlich verbraucht auch jedes Velotraum bei der Herstellung Ressourcen, aber im Vergleich zum Auto wenig und im Betrieb überhaupt keine. Je später wir mit Klimaschutz anfangen, desto teurer werden die Folgen und die dann nötigen Maßnahmen. Und SUVs braucht sowieso keiner.

  6. C.Hronos am 9. Januar 2016:

    @ Arndt und Ralf,
    danke Ralf für diese Richtigstellung! – Und bevor nun irgendwelche Oberschlaumeier damit kommen, dass es schon immer Klimaschwankungen gegeben hat, noch der Hinweis, dass die Klimaschwankungen sich früher über Jahrtausende hingezogen haben, durch den Einfluss des Menschen sind da nun 100 Jahre draus geworden.

  7. Conny aus Stuttgart am 11. Januar 2016:

    Wer fürs neue Jahr noch gute Gründe für eine “Aktive Fahrrad Mobilität” sucht, findet Sie eventuell im »grünen Portal« der Wirtschaftswoche: Fünf Gründe um mit dem Rad zur Arbeit zu fahren.

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