Ambivalente Radsternfahrt nach Stuttgart

17. Mai 2015  |

Nach der gelungenen Radsternfahrt 2014 war die dritte Ausführung leider etwas ernüchternd.

Trotz vorbildlicher Organisation und Abwicklung durch den ADFC (und seine über einhundert Helfer) machten sich nur 4.000 Radler auf den Weg nach Stuttgart. Dort angekommen, wurden wir vom städtischen Trubel und Treiben quasi absorbiert.

Schon morgens auf meiner Zubringerstrecke schwante mir, dass sich die Erfolgsgeschichte vom Vorjahr (6.000 Teilnehmer) wahrscheinlich nicht fortschreiben lassen würde, nicht nur wegen des leicht bewölkten Himmels. Auf meiner Zubringerstrecke nach Leonberg begegneten mir zwar viele Radfahrer, nur waren die alle in die falsche Richtung unterwegs… Auf dem nur halb vollen Leonberger Marktplatz dann die Bestätigung für den Gegenverkehr: Es waren deutlich weniger Radler versammelt als im letzten Jahr. Immerhin sind mindestens zehn Velotraum-Fahrer mit dabei, plus zwei Velotraum-Tandems :-)

Die kurze und einfache Strecke nach Stuttgart wurde ausgesprochen langsam gefahren und zu einer harten Probe für das Sitzfleisch. Auch die Abfahrt in den Stuttgarter Kessel geriet mehr zum Dauertest für die Bremsanlage, als zum lustvollen Befahren von sonst unfahrbaren Straßen. Durch den Stuttgarter Süden ging es im Schleichtempo mit viel Stop-and-Go, obwohl unser Peloton perfekt durch die vielen unermüdlichen Helfer des ADFC abgeschirmt wurde. Doch für die Pace war offensichtlich die Polizei an der Spitze verantwortlich.

Neu war die Ehrenrunde auf dem Cityring. Hier sollten sich eigentlich alle teilnehmenden Radler vereinen. Aufgrund der Schleichfahrt war unsere Leonberger Gruppe jedoch zu spät dran und so verlor sich unser kleines Häuflein im MIV (Motorisierter Individual-Verkehr). Generell hatte ich den Eindruck, dass alles unternommen wurde, um den MIV bloß nicht all zu stark zu behindern.

Unser Fahrrad-, Pardon, Verkehrsminister war auch dieses Jahr mit von der Partie und verbreitete politischen Zweckoptimismus, trotz der überschaubaren Radlermenge. Einmal mehr betonte Hermann die Bedeutung des Radverkehrs für die Landesregierung und was man alles dafür tue. Er bekam dafür aber allenfalls höflichen Applaus. Neben mir kommentierte ein Radler: »Mach halt endlich was«. – Wenn das nur so einfach wäre, Demokratie ist halt alles andere als eine Effizienzbestie…

Die kleine Zuhörerschar vor der Veranstaltungsbühne dünnte sich dann nochmals aus, als teilnehmende Bürgermeister aus der Region (z.B. Ludwigsburg, Leonberg, Böblingen) ihre Grußworte zur Sternfahrt entrichteten. – Schade eigentlich, denn die Kommunen sind die Umsetzer oder Aussitzer und Verhinderer vor Ort. Und wie so oft waren genau die nicht da, die den Weckruf besonders nötig hätten, wie zum Beispiel die Standortgemeinde der Firma Velotraum…

Auf meiner Heimfahrt über die unverändert mangelhaft und/oder bescheuert ausgeschilderten Rad- und Schleichwege, konnte ich dann trefflich darüber nachdenken, ob die geringe Teilnehmerzahl dem langen Wochenende (der Street Food Market musste wegen Überfüllung zeitweise geschlossen werden), dem allgemeinen Desinteresse (ist halt Stuttgart) oder der/dem suboptimalen Kommunikation/Marketing geschuldet war. Wie dringend geboten ein Umdenken auch in Stuttgart ist, zeigt ganz aktuell das umstrittene Straßenbau-Mammutprojekt Rosensteintunnel, dessen Kosten unerwartet von 230 auf 270 Millionen gestiegen sind.

Für meinen Teil kann ich nur anmerken, dass mir die Radsternfahrt zu unentschieden ist, zu sehr Event und Spaß auf der Gass’, zu wenig substanzielle politische Willensäußerung fürs Fahrrad als Verkehrsmittel. Das Ziel, »Wir wollen zeigen und erleben, wie menschengerechter Verkehr im Alltag sein könnte – leise und emissionsfrei!« wurde für mein Empfinden nicht erreicht, trotz des bewundernswerten Einsatzes der vielen freiwilligen Helfer des ADFC.

Bemerkenswert war zudem die nahezu völlige Abstinenz der Fahrradbranche bei einer der seltenen Veranstaltungen, die die Landes-Radverkehrspolitik betrifft. Außer ein paar lokalen Händlern glänzte die Branche mit Abwesenheit – es gibt also auf allen Ebenen noch viel zu tun.

Weitere Stimmen zur Radsternfahrt:

  1. ADFC-Landesverband
  2. Stuttgarter Zeitung

Kommentare

  1. R. Adler am 20. Mai 2015:

    Die ADFC-Einschätzung ist positiver formuliert:

    Wegen dem vorausgehenden Feiertag Christi Himmelfahrt und der etwas unbeständigen kühlen Witterung waren nicht ganz so viele Teilnehmer bekommen wie im Vorjahr. Doch die Organisatoren hatten damit gerechnet und waren über den Zustrom dennoch begeistert: “4.000 Radler sind ein starkes Stück Radkultur,” sagte die ADFC-Landesvorsitzende Gudrun Zühlke.

    Von Seiten der Stadt gibt es auch zwei Äußerungen:

    Stuttgarts Baubürgermeister Matthias Hahn: „Kommen Sie zum Stand der Stadt. Sie werden sich wundern, was wir alles in der Pipeline haben“, forderte Hahn die Zuhörer auf. Konkret stünden jetzt die Verbesserung der Sicherheit der Radler an der Tübinger Straße, Ecke Feinstraße, sowie die Verlängerung des Radwegs am Neckar in der Nähe des Voltastegs an.

    Verwaltungsbürgermeister Werner Wölfle stellte einen Radweg die Weinsteige aufwärts in Aussicht. „Wir arbeiten dran“, sagte er.

  2. Petter am 20. Mai 2015:

    Eine andere Radfahrer-Aktion soll heute Abend, 20.5. stattfinden:

    Ride of Silence
    Facebook-Seite

    In weltweit 350 Städten wird der “Ride of Silence” stattfinden, um an getötete Radfahrer zu erinnern.

    Der “Ride of Silence” findet zum insgesamt dreizehnten Mal statt, die erste Schweigefahrt wurde 2003 in Dallas im US-Bundesstaat Texas unternommen. 2015 wollen sich Radfahrer in weltweit 350 Städten – von New York bis Hongkong – an der Fahrt beteiligen. Letztes Jahr machten weltweit 12.000 Menschen mit. So soll auch für eine fahrradfreundlichere Stadtpolitik geworben werden.

    Neben Berlin machen sich auch Radler in Hamburg, Stuttgart, Hannover, Wiesbaden, Freiburg, Oldenburg und Osnabrück zur Schweigefahrt auf.

    In Hamburg starben im Jahr 2014 elf Radfahrer (lt. mopo.de)
    In Berlin waren es 2014 zehn Tote. 2015 sind es bis heute vier (lt. tagesspiegel.de)

  3. F. Einstaub am 21. Mai 2015:

    Ein Gedicht über Stuttgart von M. Baumstieger im Magazin der Süddeutschen Zeitung:

    Die Straße mit der schlechtesten Luft Deutschlands liegt: in Stuttgart.

    Und nirgends stehen Autofahrer so lange im Stau wie: in Stuttgart.

    »In den beiden Nachrichten ging es um Autos – oder besser gesagt, um die Nebeneffekte, die zu viele Autos zur Folge haben: schlechte Luft und Staus. In diesen beiden Dingen ist Stuttgart Deutscher Meister. In keiner anderen Großstadt liegt mehr Feinstaub in der Luft, nirgends verbringen die Menschen mehr Zeit damit, die hintere Stoßstange ihres Vordermanns anzustarren und leise (oder lauter) zu verfluchen. Ein Hersteller von Navigationsgeräten hat ermittelt, dass Stuttgarter Pendler 84 Stunden im Jahr im Stau feststecken, dreieinhalb Tage. …

    Die hohe Konzentration an Feinstaub und Stickstoffdioxid in der Stuttgarter Luft wird meistens mit der Lage der Stadt in einem Talkessel erklärt, vielleicht haben die vielen Staus aber hier auch einen gewissen Einfluss. Jedenfalls geht aus der Antwort des Bundesumweltministeriums auf eine kleine Anfrage der Grünen hervor, dass das Neckartor ganz offiziell Deutschlands stinkigste Straße ist: Die Stickstoffdioxidbelastung ist oft doppelt so hoch wie der eigentlich zulässige Grenzwert, das gesetzliche Limit von 50 Mikrogramm Feinstaub je Kubikmeter Luft wurde 2014 gleich an 63 Tagen überschritten.

    Dass die Bewohner dieser ohnehin nicht unbedingt ansehnlichen Straße täglich die Abgase von bis zu 80 000 Fahrzeugen einatmen müssen, tut mir natürlich leid – so schadenfroh bin ich nun wirklich nicht. Ganz grundsätzlich finde ich es aber irgendwie gerecht, dass in Stuttgart dicke Luft herrscht. Denn hier scheint ganz von selbst eine Art Verursacher-Prinzip zu greifen: In Stuttgart-Untertürkheim sitzt die Firma, die diese feisten, fetten Autos mit dem Stern vorne drauf baut. Und in Stuttgart-Zuffzenhausen die andere Firma, die Angeberflitzer für Besserverdiener in der Midlife-Crisis und SUVs für die Yoga-Mamis zu verantworten hat, die bei mir im Viertel ständig die Radwege zuparken.«

    Quelle: SZ-Magazin

  4. Stäffelesrutscher am 21. Mai 2015:

    @ F.Steinstaub,

    vielleicht sollten es die Stäffelesrutscher wieder mehr mit den alten Schwabentugenden halten, die der verstorbene OB Manfred Rommel einmal sinngemäß so beschrieben hatte: Mercedes kaufen (Wirtschaft ankurbeln); in die Garage stellen (Ressourcenschonung) und ins Städtle mit der Straßenbahn, respektive Fahrrad fahren ;-)

  5. Stefan, Stuttgart am 30. Mai 2015:

    Dank und Kompliment an diese aufrichtige Berichterstattung. Ich sehe das ähnlich. Und wir alle wissen: Kritik belebt das Geschäft.

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