Eurobike 2010: Famos

7. September 2010  |

Eigentlich unnötig zu betonen, dass unser Messebericht lediglich die Velotraum-Wirklichkeit widerspiegelt…

Unsere Stimmung katapultierte sich schon am ersten Tag von »mal sehen« auf »begeistert« und hielt sich auf diesem hohen Niveau trotz sehr langer und intensiver Tage und sehr kurzen Nächten.

Gelungen: Der Velotraum-Messestand

Schon am Abend des Aufbautages war klar, dass unser Messestand dieses Mal besonders gelungen war. Die gewagte Wandfarbe, die Mischung aus dezenten, kräftigen und ungewöhnlichen Rahmenfarben, die klare Formensprache der Ausstellungsräder sowie des Standkonzepts spiegelten das Velotraum-Markenverständnis aufs Vortrefflichste: wertig, liebevoll, vielfältig, bunt, lebendig, Widerspruch-auflösend, unkonventionell, eigenständig…, bescheiden ;-)

Neue Mitspieler auf dem Branchen-Feld: Bosch und Pinion

Bosch und deren E-Antrieb war mit großer Spannung erwartet worden, insbesondere wie das große schwäbische Vorzeigeunternehmen die Integration von Motor und Akku zu Wege bringen würde. Hier gab es eine große Ernüchterung, denn der unter dem Tretlager hängende Motor ist zwar von der Schwerpunktlage ein Plus – formal aber sehr unbefriedigend. Über die Funktion lässt sich im Moment noch nichts sagen, denn die Testmöglichkeiten auf der Eurobike sind ein Witz…

Aussagekräftiger sind da schon die weiteren Schritte der Weltfirma. So wird z.B. Magura zum Servicepartner – das A und O für eine nachhaltige Markteinführung – und es werden gezielt Brancheninsider eingestellt. Zudem zeigen die Boschler »eine sehr steile Lernkurve in Sachen Fahrradbranche«, schon allein darin abzulesen, »dass Sie inzwischen zu Meetings ohne Schlips und feinen Zwirn erscheinen«, so sinngemäß ein zukünftiger Fahrrad-Boschler. Weniger freundlich für andere E-Rad-Anbieter sind da die, auf der Messe kolportierten, zukünftigen E-Rad-Marktanteile von Bosch, mit angestrebten 30%…

Für uns im Moment spannender ist die ebenfalls aus Stuttgart kommende PINION P-1 Getriebeschaltung: 18 Gänge, Gewicht 2,5 Kilogramm, Gesamtübersetzung 634 % klingen nach einer kleinen Revolution. Die Entwickler, zwei ehemalige Porsche-Werkstudenten, tüfteln dank Investor schon seit vier Jahren an diesem Getriebe und es ist sehr wahrscheinlich, dass dieses Wunderwerk in Serie geht. Allerdings hat die junge Firma noch einige Hindernisse zu überwinden, die alles andere als ein Spaziergang sind.

So wird es am Anfang sehr schwierig sein, Hersteller zu finden, die bereit sind, das große Risiko eines völlig neuen Produkts einzugehen. Denn im Unterschied zu einer Rohloffnabe – die ja mal vor dem gleichen Problem stand – lässt sich ein Pinion-Getriebe-Rahmen/Rad nicht einfach mit einer Kettenschaltung nachrüsten, wenn es Probleme gibt… Dann ist es verdammt schwierig für eine kleine Firma – auch für ein so famoses Produkt – eine Serienproduktion auf die Beine zustellen. Doch genug »Ja, aber…« – es ist einfach zu hoffen, dass sich Pinion von dem momentanen und kurzlebigen Hype nicht zu sehr unter Druck setzen lässt und die anstehenden Mammutaufgaben seriös abarbeitet und in ein paar Jahren die Fahrradwelt um ein Juwel reicher ist.

Scheibenbremsen-Konverter – Konkurrenz belebt das Geschäft

Einen Rückschlag und eine Überraschung gab es beim Scheibenbremsen-konverter. Zwar entsprach das neue Vorserienmodell optisch und konzeptionell unseren Vorstellungen, allerdings waren beide Muster erst auf den allerletzten Drücker fertig geworden. Schon bei der Montage zeigte sich dann, dass die Testmuster zu schwergängig und zudem undicht waren(!). – Shit happens, auch wenn davon die Markteinführung bis Mitte April 2011 und der Preis von 299 EUR nicht in Frage gestellt werden. Es ist eher so, dass dieser Rückschlag Energiereserven beim Entwicklungsteam frei setzt, zumal das Interesse auf der Eurobike sehr groß war.

Allerdings hatte der Velotraum-Konverter einen Nachahmer gefunden. Trickstuff zeigte mehrere Prototypen, die zwar leichtgängig und dicht waren, aber über keinerlei Druckpunkt und Testpraxis verfügten. Nach der Messe werden wir nun überlegen wie es weiter geht, es stehen auch Kooperationsüberlegungen im Raum, sicher ist in jedem Fall: der Konverter kommt!

Nachtrag 26.01.2011. Der überarbeitete Ausführung von »Eddy« steht kurz vor der Vollendung. Sprich es laufen im Moment Dauerbelastungstest (100.000 Bremsungen) und der letzte Feinschliff bei Seilzug-Klemmung ist noch zu tun. Der Liefertermin verschiebt sich von Mitte April auf Mitte bis Ende Mai.

Beziehungsarbeit

Die ersten drei Tage sind wir quasi keinen Meter von unserem Stand herunter, geschweige denn aus der Halle A2 heraus gekommen. Termin reihte sich an Termin, ganz so wie wir es gewollt und geplant hatten. Speziell für unsere Partner haben wir uns gut vorbereitet und viel Zeit genommen. Zeit und Energie, die auch unsere Händler investierten – keine Selbstverständlichkeit bei der harten Konkurrenz um die rare Zeit und Aufmerksamkeit der Fachhändler. Eine Investition, die sich für beide Seiten mehr wie gelohnt hat, denn die konstruktiven und intensiven Gespräche vertieften das beiderseitige Verständnis und brachte neue Anregungen und Lösungen.


Einfach nur schön sind aber auch Momente, wenn z.B. Tubus Inhaber und Produktdesigner Peter Ronge die ersten im 3D-Druck hergestellten Muster des neuen Tubus Cargo und Logo (Markteinführung Ende 2011) an einem Velotraum-Rad auf Passform und Optik »prüft« und sich wie ein Schneekönig über das gelungene Resultat freut. Qualitativ ähnliche Begegnungen und das Gefühl gemeinsam an einem Strick zu ziehen, hatten wir mit mehreren unserer Lieferanten – auch für so ’was braucht es die kritische Masse dieser Großveranstaltung.

Die abendliche Bootsfahrt anlässlich des 25-Jährigen VSF-Jubiläums war eine weitere schöne und rundherum gelungene Veranstaltung und ein würdiger Anlass, sich und das Fahrrad in entspannter Atmosphäre zu feiern.

Der bei vielen Ausstellern ungeliebte und gefürchtete Publikumstag war zumindest aus unserer Sicht eine gelungene Fortschreibung der vorangegangenen Tage. Sympathische, aufgeräumte und wissbegierige Besucher, die nicht mit Anerkennung und Lob sparten, machten den 2010er Messeauftritt nochmals runder und gelungener.

Nach der Messe ist vor der Messe

Der Input steht im direkten Verhältnis zu den gewaltigen Dimensionen der Eurobike. Randvoll mit Eindrücken, konkreten Aufgaben und Projekten geht es nun ans Umsetzen. Sicherlich lassen wir das eine oder andere erstmals sedimentieren – aber die Saison 2011/12 ist definitiv eingeläutet.

(*) Die Eurobike ist ja eine sehr jugendliche Messe, auf der man sehr viel lernt. So zum Beispiel, dass die ultimative Steigerungsform von »geil«, »cool«, »krass« eben »endgeil« ist ;-)


Kommentare

  1. Stefan am 8. September 2010:

    Hallo liebe Leute von Velotraum,

    herzlichen Glückwunsch zu euerem gelungenen Messeauftritt! Euer Stand sieht / sah ja auch wirklich appetitanregend aus! – Toll!
    Ich war dieses Jahr nicht auf der Messe, weil ich noch lieber mit meinem Velotraum im bayerischen Oberland auf Tour war.

  2. Tom Strunz aus dem schönen Kraichgau am 10. September 2010:

    Hallo,

    Euer Auftritt war wirklich toll. Ich bin mal gespannt, wie sich die Pinion entwickelt. Ich werde aber bis auf weiteres bei meiner guten alten Rohloff bleiben.

    Gruß Tom

  3. Markus am 10. September 2010:

    Hallo!
    Bei dem Bosch E-Antrieb scheinen ein paar Mitarbeiter aus der Haushaltsgeräte Abteilung mit entwickelt zu haben. Zumindest sieht das Teil der alten Brotschneide-Maschine meiner Oma verdammt ähnlich. Bäh!

    Ansonsten sieht es ja so aus, als sei der Bereich Tretlager mal reif für einen neuen “Standart”. Sowohl Bosch E-Antrieb als auch Pinion Getriebe sind ja prinzipiell ähnlich im Rahmen aufgehängt.

    Grüße.

  4. Ai am 10. September 2010:

    Zur Anbringung des Bosch Elektro-Antriebs: Haibike demonstriert, dass der hässliche Klotz auch andersrum in den Tretlagerbereich eingebaut werden kann. So ist es vielleicht ein ganz klein wenig besser. Hier das entsprechende Foto in Pardeys Messeartikel in der FAZ. Und hier noch eins von Urbanbiking

  5. Stefan am 11. September 2010:

    Hallo, also Nichts gegen Neuerungen – im Gegenteil! – aber: seit drei Jahren fahre ich mit der Rohloff Speedhub, kombiniert mit dem Schlumpf-speed-drive-Getriebe völlig problemlos, wartungsarm und mit insgesamt “nur” ca. 2,6 kg Gesamtgewicht! Mit meinen 18 echten Gängen und den unglaublichen, aber wahren 868 % Übersetzung bin ich bis jetzt noch überall hin gekommen, auch mit all meinem Gepäck! Und das mit bewährter Technik / Mechanik! – Was will ich mehr?!
    Ich wünsch den “Pinions” viel Glück und wirklich guten Erfolg, bleib’ aber erstmal gerne und überzeugt bei meiner Rohloff-Schlumpf Kombination.

    Stefan

  6. Hans am 15. September 2010:

    Hallo Stefan,
    wofür benötigst du 868% Entfaltung? Kann mir einen solchen Entfaltungsbedarf im praktischen Leben gar nicht vorstellen. Ich fahre lange Strecken mit Gepäck und im Alltag so etwa 40-70 km täglich. Auch in sehr steilem Gelände rauf, ist der erste der Rohloff (auf 17/42, 26”) schon so kurz, dass meine Begleiter beim normalen Nebenherlaufen fast schneller sind, als ich auf dem Rad. Komisch.
    Gibt es beim Schlumpf auch einen verlustfreien Gang? Ich glaube nämlich, nicht. Gehst du mit den Schlumpfi in den kürzeren oder längeren Bereich? Schöne Grüße…

  7. Singlespeed am 17. September 2010:

    @Stefan: das Pinion lässt sich sicher auch mit Rohloff fahren…

  8. Andreas Herold am 17. September 2010:

    Hallo Veloträumer :-)

    In Anbetracht der UCI-Entscheidung, zukünftig Scheibenbremsen bei Cyclocrossrädern zuzulassen, halte ich es zumindest für mittelfristig wahrscheinlich (und als Kunde auch für wünschenswert), dass Shimano und/oder SRAM seine Rennrad-Bremsschalthebel auch für hydraulische Bremsen anbietet. Ich hoffe, dass ihr bis dahin eure Entwicklungskosten für den Konverter wieder verdient habt. Die Idee halte ich an sich für sehr gut, an eurer Ausführung würde mich in erster Linie die Befestigung stören.
    Nichtsdestotrotz: Mein nächstes Rad wird ein Speedster mit Scheibenbremsen :-)

    Gruß

    Andy

Ihr Kommentar