650B-Plus im »Pilger« – erste Praxiserfahrungen mit einem neuen Reifenformat

20. August 2015  |

Man muss kein Hellseher sein, um vorherzusagen, dass dieses neue Reifenformat (Kurzform: B+) die Eurobike 2015 prägen wird.

Allerdings tobt sich diese Innovationsschlacht überwiegend im MTB-Segment aus und ein wenig in der Self-Support-Szene Wir wollten aber schon mal wissen, welche Potentiale für den Alltag und den Reiseeinsatz in B+ stecken.

Was steckt hinter der Reifengröße B+

Die Entstehung der Plus-Reifen haben wir unter anderem dem Fatbike zu verdanken, dessen superbreite Reifen und Felgen völlig neue Einsatzbereiche ermöglich­en und damit in der Tat neue Horizonte eröffnen. Die Fatbikes, insbesondere Lösungen wie der Pilger, sind im wahrsten Sinne des Wortes All-Terrain-Fahrräder, wenngleich für den universelleren Freizeit-, Touren- oder gar Alltagseinsatz oft zu extrem. Darüber hinaus benötigen Fatbikes spezielle Kurbeln, Naben, Gepäckträger usw..

Gesucht war daher eine Kombination aus Mountainbike- und Fatbike-Eigenschaften, also ein Rad oder Reifenformat, welches die Omniterra-Eigenschaften des Fatbikes mit der Effizienz (Gewicht, Rollwiderstand) des Mountainbikes vereint und überwiegend mit Standard-Komponenten montiert werden kann.

Herausgekommen sind Reifen mit einem nominalen Durchmesser um die 78 Millimeter (3 Zoll), die von Herstellern und Medien momentan als »Plus-Format« bezeichnet werden. Während das Fatbike auf der Größe 559 (26 Zoll) basiert, gibt es das Plus-Format momentan nur für die »neuen« Mountainbike-Größen 584 (650B) oder 622 (28-Zoll), – sinnvoll ist zweifelsohne nur die Größe 584.

Das größere Reifenvolumen ist allerdings nur die halbe Miete. Genauso wichtig ist inzwischen die Felge, genauer der Felgenhorn-Abstand. Erst die Kombination aus großem – besser passendem – Felgenhorn-Abstand und breiten Reifen ermöglicht es, den Luftdruck auf Fatbike-Niveau (zirka 0,8–1,0 bar) zu reduzieren und zwar ohne dass die Reifen in Kurven oder im Wiegetritt wegknicken. Ideal bei Drei-Zöllern sind Felgen mit einem Felgenhorn-Abstand von 40 bis 45 Millimeter. Beim Mountainbike sind im Moment 19 bis 25 Millimeter der Standard.

Die konstruktive Herausforderung bei diesen Breitfelgen ist fahrradspezifisch: Gewünscht ist eine möglichst hohe Effizienz, also geringes Gewicht, gepaart mit hoher Belastbarkeit und Zuverlässigkeit. Die neue DT-Swiss XM551 schafft diesen Spagat mit einem Gewicht von 600 Gramm geradezu vorbildlich. Erreicht wird dieses vergleichsweise geringe Gewicht mit zum Teil sehr geringen Wandstärken, klingt beim Antippen schon wie ’ne Getränkedose ;-)

Soweit die Theorie. – Der Chronist hat sich mal den (großen) Spaß gemacht, zwei verschiedene B+-Reifen in einem Pilger über drei Wochen zu fahren. Im Folgenden meine Erfahrungen und Erkenntnisse:

B+ im Mischbetrieb

Für Velotraum steht natürlich nicht so sehr der klassische Mountainbike-Einsatz im Vordergrund, als vielmehr die Eignung als Eier legende Woll-Milch-Sau, daher montierte ich zuerst einen SuperMotoX in meinem zum Testrad umfunktionierten Pilger. Mit einer gemessenen Breite von 63 Millimeter ist der SuperMotoX zwar noch kein richtiger B+-Reifen, allerdings lassen sich die meisten Erkenntnisse auf Reifen mit mehr Volumen übertragen, wie das zweite Testreifenpaar zeigen sollte.

Auf meiner bestens bekannten Nach-Hause-Strecke war ich erstmal völlig perplex, wie schnell sich das Rad anfühlte und wie rundherum gut es sich fahren lässt. Das euphorische Booster-Gefühl war am nächsten Tag allerdings schon deutlich geringer ausgeprägt. Wahrscheinlich war der erste überwältigende Eindruck der Tatsache geschuldet, dass ich tags zuvor noch mit der original 4,8-Zoll-Bereifung in den Betrieb gefahren war.

Insbesondere bei Anstiegen spürt man die 1.100 Gramm Gewicht des SuperMotoX recht deutlich, dafür fühle ich mich auf geschotterten Wald- und Landwirtschaftswegen sicherer und ich brettere lässig über Stellen, bei denen ich mit dem Kojak schon konzentriert fahren muss.

Mit einem Luftdruck von 1,5 bar ist der Komfortgewinn im Vergleich zu einem zwei Zoll breiten Kojak zwar spürbar, allerdings noch nicht so, dass man von einem Riesensprung reden könnte. Spürbar mehr Komfort, Traktion und Sicherheit vermittelt mir der SuperMotoX erst bei einem Luftdruck von 1,0 bar. Bei trockenem Untergrund kann man damit sogar ins Gelände gehen. Allerdings steigt auch der gefühlte Rollwiderstand auf guten Wegen mehr als ich erwartet hatte. Bei diesem geringen Komfortluftdruck will das Rad auf Asphalt mit spürbar mehr Pedaldruck auf Tempo gehalten werden, ein Gefühl, das ich vom Fatbikefahren gut kenne. Das Schöne bei B+ ist jedoch, die Luftdruckerhöhung um 0,5 bar gelingt selbst mit einer Kompaktpumpe im Handumdrehen.

Zwischenbilanz – Alles in allem ist B+ ein vielversprechendes Reifenformat für alle, die überwiegend jenseits des Asphalts unterwegs sein wollen oder müssen. Bei der gemessenen Reifenbreite von 63 Millimeter passen viele Standard-Komponenten (Schutzbleche, Gepäckträger), so dass der Alltags- und Tourentauglichkeit nichts im Weg steht. Allerdings ist die Reifen- und Felgenauswahl für den Alltags- und Toureneinsatz im Moment noch überschaubar und es braucht einen dafür passenden Rahmen. Auch die Ersatzteilversorgung auf Reisen wird fürs Erste noch ausgesprochen schwierig sein.

B+ im Gelände

Als zweites Testreifenpaar stand mir ein neuer Rocket Ron in der Größe 78-584 zur Verfügung. Die gemessene Breite beträgt bei 1,5 bar zwar nur 72 Millimeter, aber auch damit ist der Reifen eine eindrucksvolle Erscheinung mit einem moderaten Gewicht von zirka 900 Gramm.

Sobald man den Rocket Ron auf einen Gelände-Luftdruck von 0,8 Bar bringt, nimmt der Spaß, Komfort und die Sicherheit auf groben Wegen erheblich zu. Natürlich kann der Reifen nicht das Schluckvermögen eines 4,8-Zoll-Fatbike-Reifens aufweisen, aber für die meisten Strecken ersetzt er die Federgabel und lässt sich präzise und leicht dirigieren. Erst auf sehr groben Wurzel- oder Steinpfaden hört, für mein Können und Empfinden, der Spaß dann völlig auf und ich wünsche mir Fatbikereifen oder eine Federgabel.

Dafür rollt mein »neuer« 650B-Plus-Pilger spürbar leichter als mit den orginären 4,8-Zoll-Walzen. Ich spüre deutlich, dass ich erheblich weniger (rotierende) Massen in Schwung halten muss. Eine gewisse Ernüchterung dann auf Asphalt und guten Forstwegen. Mit nicht mehr ganz frischen Beinen »kleben« auch die 650B+ Reifen bei 0,8 bar am Untergrund und rollen deutlich schwerer als ein Kojak oder Almotion (in 2,0/2,3 Zoll mit 2,5 Bar). Zudem neigt auch B+, bei einem Luftdruck unter einem Bar und einer hohen Trittfrequenz, zum hoppeln und man ist immer versucht, einen Gang höher (schwerer) zu treten.

Je länger ich das Format 650B+ fahre, desto mehr wird mir zur Gewissheit, dass auch diese Reifengröße »nur« ein Mittelding zwischen Mountainbike (29er) und Fatbike bietet, also weder das Fatbike noch das 29er ersetzen kann. Und ich bin verdammt froh, dass wir keine Mountainbikes herstellen und somit unseren Kunden in Zukunft nicht erklären (verkaufen) müssen, wann und warum 650B+, 29er oder 29+…

Pilger-Fahrer und zukünftige -Käufer sind da klar im Vorteil. – Sie müssen (wie der Chronist) lediglich im Fahrradkeller etwas Platz für einen zweiten Laufradsatz schaffen und zirka 400 Euro in einen B+-Laufradsatz investieren. Dafür bekommt man gleich zwei sehr unterschiedliche und faszinierende Fahrräder, denn B+ passt nicht nur anstandslos in den Pilger, der Pilger mit 650B+ fährt sich auch noch superb und macht auf eine andere Weise Spaß als mit Fatbike-Bereifung.

Daher werden wir für unseren Pilger in Zukunft noch eine B+-Laufrad-Option anbieten, verfügbar sobald die B+-Reifen von Schwalbe lieferbar sind ;-)

Schlussbetrachtung: Warum eigentlich 650B?

Feingeister und Edelfedern in der Branche umschreiben die Entstehung von 650B+ mit Mitteln der Dialektik: These (26-Zoll), Antithese (29er) und Synthese (650B+). – Nicht schlecht, Herr Specht. Allerdings sehen wir die Laufradgrößen-Entwicklung etwas anders…

Die Mountainbike-Branche und deren »angegliederte« Sprachrohre haben 26 Zoll bei ihrem Marketingfeldzug für die 29er-Größe in Grund und Boden gestampft und ohne Gesichtsverlust gibt es in diesem von echten Kerlen dominierten Umfeld kein Zurück mehr.

Aus unserer Sicht wäre jedoch auch für das Plus-Reifenformat 26 Zoll (559) die sinnvollere Größe oder zumindest eine zusätzliche Option (in jedem Fall sinnvoller als 622). Schließlich basieren die besonderen B+-Qualitäten nicht auf dem 25 Millimeter größeren Durchmesser, sondern maßgeblich auf der Reifen-Felgen-Kombination.

Die Vorteile von »559 Plus« liegen dabei auf der Hand: z. B. kompakter und leichter. Ein wichtiger Aspekt, wenn man an Schutzbleche, Gepäckträger und die Handhabung auf Reisen oder im Alltag denkt. – Aber vielleicht sind ja wir die »Geisterfahrer« mit unserem Vielseitigkeitsfaible? ;-)

Kommentare

  1. Hannah Grundey, Bremen am 20. August 2015:

    Lieber Stephan Stiener, bitte rette das 559’er Format. Als ich vor Jahren in Weil der Stadt fragte warum man/frau die Velotraum-Rahmen nicht mit 60’er Reifenbreite fahren kann bekam ich eine Antwort (irgendwie ein “Nein”) und auch ein paar Gründe zu hören. Nach Jahren des Wartens stehe ich nun kurz davor mir ein 26” Fahrrad mit freier Reifenwahl von 50mm bis 60mm Breite zu bauen und muß kurz vor der EuroBike 2015 überall lesen, dass das 559’er Format im Aussterben begriffen ist. Stattdessen sprießen überall nicht wirklich neue und noch weniger sinnvolle Reifenformate aus den Ecken. “Was soll das?”, frage ich mich, “Wir wollen doch einfach nur Fahrrad fahren und nicht ständig Angst um unsere Lieblingsreifen haben müssen.” Also bitte liebe Veloträumer schafft eine 559’er-Schutz-Zone, in der die 26’er Felgen und Reifen überleben können bis diese Verwirrung vorrüber ist :) . Ich werde auch gern Eure Stammkundin, um meinen Ersatzteilbedarf zu decken. Ride TWENTY-SIX, mit oder ohne Plus :))

  2. Stefan Stiener von Velotraum am 20. August 2015:

    Hallo Hannah,
    danke für dein leidenschaftliches Plädoyer und keine Sorge, »Totgesagte leben länger«. Was die Laufradgrößen angeht, macht mein Artikel hoffentlich deutlich, dass jedes Reifenformat seine Vor- und Nachteile hat und dass wir weiterhin in 26 Zoll das Optimum sehen. Lediglich bei der Reifenbreite müssen wir unsere Meinung von vor drei, vier Jahren etwas revidieren. Denn in Verbindung mit sehr breiten Felgen – und nur dann, bringen Breitreifen um die 60 Millimeter tatsächlich zusätzliche interessante Möglichkeiten.

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