Sieben Tage »Rad-Zeit«: Elsass, Vogesen und Hochrhein

26. Juli 2014  |

Nachdem im letzten Jahr mein alljährlicher Wochentripp ausgefallen war, hatte ich heuer die Qual der Wahl. Die Wettervorhersage und schnelle Erreichbarkeit sprachen schließlich für das Elsass.

Meine letzte Radreise in Frankreich lag schon etliche Jahre zurück, und ich war gespannt, ob sich das legendäre Frankreich-Radreise-Gefühl von früher wieder einstellen würde.

1. Tag | Karlsruhe > Niederbronn-les-Bains, 109 km

Am Ausgangspunkt der Tour hatte ich jedoch erst mal andere Probleme, nämlich den Weg zur Rheinfähre zu finden. Ohne Navigation mit dem Smartphone würde ich wahrscheinlich heute noch in der Großbaustelle Karlsruhe ’rumirren…

Dafür wurde es nach der Fähre um so einfacher. Der schöne und einfach zu fahrende Radweg nach Wissembourg ist nicht zu verfehlen und wartet ab und an mit ein wenig französischem Landstraßencharme auf – vive la France! Die Ernüchterung nach Wissembourg, die ersten giftigen Anstiege mit viel Verkehr. Aber nach ein paar Kilometern zweigt die Route ab und es wird schlicht wunderschön.

Die Bilderbuch-Ortschaften sind von den deutschen Ferienhaus-Inhabern vielleicht ein wenig zu perfekt hergerichtet, aber so beim Durchrollen wirkt es liebevoll und harmonisch. Kein Gewerbegebiet oder Flächenmärkte verunstalten die beblümten Dörfer (Village Fleuri). Alles wirkt malerisch und ist in eine Weite und wellige Landschaft regelrecht hinein getupft – Radlerherz was willst du mehr. Zum Beispiel am Ende einer langen Etappe: Pizza, hiesige Traubenerzeugnisse und – man gönnt sich ja sonst nichts, einen Himbeer-Eisbecher wegen der Vitamine und so :-)

2. Tag | Niederbronn-les-Bains > Obernai, 102 km

Auf der zweiten Etappe lässt die Streckenführung und Landschaft fast vergessen, dass ich am Rande einer, für französische Verhältnisse, dicht besiedelten und beliebten Tourismus-Region unterwegs bin. Mit vielen Aufs und Abs rolle ich durch eine wunderschön gestaffelte Landschaftskulisse, die sich wie ein gewaltiger Park auffächert: Obstbaumwiesen, Weingärten, Weiden mit Kühen, Pferden und mächtigen Linden oder Plantanen. Meist schmiegen sich die Straßen noch in die Landschaft, dazu wenig Verkehr und Wind von hinten. Ab und zu gibt´s auch ein paar Radler-Begegnungen, meist ältere Haudegen, die oft furchtbar schlecht auf ihren Rennräder sitzen – daher: Chapeau!

In Saverne hat mich der mitten durch die Stadt gehende Marne-Rhine-Kanal mit seiner Schleusenanlage schwer beeindruckt. Das mächtige Schloß empfand ich dagegen als völlig überdimensioniert und dem zerzauselten Schlosspark war anzusehen, dass dieses Vermächtnis die Stadt-Schatulle überfordert. Mich zog es daher bald weiter und schon gleich hinter Saverne war ich wieder im »Landschaftspark« Elsass eingetaucht.

So konnte es natürlich nicht ewig weitergehen, die radtouristischen Durststrecken, bei denen man auf autogerechten Straßen Siedlungsbrei und Gewerbegebiete streift oder durchquert, kamen dann kurz vor Wasselonne. Das Durchqueren dieser suburbanen Wüsten ist natürlich unumgänglich, aufs Gemüt drücken sie dennoch. Mit Rosheim und Obernai liegen zwar zwei weitere touristische Glanzlichter an der wenig angenehmen Strecke, doch macht sich bei mir ein gewisser Fachwerk-Blumenschmuck-Idyll-Überdruss bemerkbar. Unweit der Touristen-gerecht rausgeputzten Hauptgassen bröselt es und viele »à vendre-Schilder« an den Häusern sprechen für sich. Bonjour tristesse – insbesondere bei Abends einsetzendem Regenwetter.

3. Tag | Obernai > Orbey-Pattes, 78 km

Am nächsten Morgen leiste ich innerlich Abbitte, denn die Morgensonne verwandelt das trübtraurige Obernai vom Vorabend, regelrecht toskanisch erstrahlen das Rathaus- und Kirchenturm-Ensemble in der Sonne. Ein paar Einbahnstraßen ignorierend, finde ich zurück auf die Route und zuerst geht es bis nach Barr auf nahezu autofreien Strecken durch die Weinberge. Linkerhand die Rheinebene, rechterhand die Burgen-gekrönten Vogesen-Höhen, die ich heute noch erklimmen wollte. Vor Barr ein besonders schöner Abstecher hinauf nach Heiligenstein, wie alle Winzerorte reich an pittoresken Winkeln, Ecken und Weinstuben.

Bis nach Ribeauville ist es nun sehr flach und viele Radfahrer sind unterwegs, auch die E-Bike Fahrer trauen sich durch die gut ausgeschilderte Ebene ;-). Ich zweige nun ab, verlasse die Rheinebene und erreiche schweißgebadet nach 700 Höhenmetern Kletterarbeit meinen ersten einsamen und unwirtlichen Col. Eine aussichtsreiche und schnelle Abfahrt bringt mich binnen weniger Minuten hinunter zur stark befahrenen N415, die ich jedoch nur kurz quere. Bis Orbey, meinem eigentlichen Etappenziel, herrscht sehr viel Verkehr und auch im Ort selbst ist es mir zu laut. Wahnsinn, welcher Verkehr sich unablässig durch die kleinen Städtchen wälzt. Nach einer kurzen Pause plage ich mich daher nochmals 200 Höhenmeter weiter hinauf ins nächste Nebental, nach Orbey Basses-Huttes. Eine gute Entscheidung, denn dort gibt es ein gemütliches und sehr familiäres kleines Hotel, in dem ich mich pudelwohl fühlte.

4. Tag | Orbey-Pattes > Walheim/Altkirch, 125 km

Heute steht die zweite »Berg-Etappe« an, auch wenn die Route des Crêtes eigentlich eine »Gipfelstraße« ist. Erst mal musste ich vollends hinauf, zum Col du Calvaire, was auch schon nicht ganz ohne ist. Glück im Unglück, das Wetter war eher durchwachsen und kühl, so dass sich der Verkehr in Grenzen hielt. Die Gipfelstraße selbst wird ihrem Ruf völlig gerecht, denn die ehemalige Militärstraße durchmisst eine wirklich eindrucksvolle Landschaftsszenerie.

Hier oben treffe ich dann auch vergleichsweise viele Rennradfahrer, die entweder anerkennend den beladenen Tourenradler bestaunen oder schlicht ignorieren. Besser als gedacht meistere ich die vielen Wellen der Strecke und genieße eindeutig mehr, als dass ich mich plage. Leider zieht der Himmel am Grand Ballon zu, so dass nur die Abfahrt bleibt. Eine grandiose Abfahrt, mit Kopfsteinpflaster-Kehren, die ich mit meinen 50-Millimeter-Slicks genussvoll nehmen kann, während die armen Rennradler ganz schön rumeiern. Noch ein lohnenswerter Zwischenanstieg und Abstecher zum Col du Silberloch und dem Kriegsmonument Hartmannswillerkopf und weiter geht’s hinunter. Immerhin 1.000 Höhenmeter gilt es en passant zu vertilgen…

Die Strecke nach Muhlhouse ist dann allerdings eine reine Arschbacken-zusammenkneifen-und-durch-Angelegenheit. Dort angekommen merke ich, dass mir im Moment eine so große und lebhafte Stadt zu »anstrengend« ist und ich entschließe mich, noch ein Stück in Richtung Basel zu fahren. Entlang des Canal du Rhone au Rhin ist die Strecke aus der Stadt hinaus einfach zu finden und geradezu malerisch. Die Suche nach einer Unterkunft gestaltet sich an diesem Abend etwas langwierig, da die Strecke nur kleine Orte streift und so wird es ein langer Tag.

Nach vier Tagen bin ich nun viel weiter als gedacht und ich beschließe über den Oberrhein und die schwäbische Alb eventuell bis nach Hause zu radeln.

5. Tag | Walheim/Altkirch > Kadelburg, 114 km

Das Hotel und die Nacht waren unterirdisch, dafür entschädigt die wunderschöne Strecke zwischen Hausgauen und Blotzheim mit Ausblicken auf die Vogesen und das Jura. Dann folgt der »Anflug« auf Basel. Die Gegend um Basel – auch die französische Seite – verkörpert schon den hohen Schweizer Standard und ist ein gewaltiger und potenter Ballungs- und Wirtschaftsraum. Basel-Stadt ist eine Wucht und beim Durchfahren nicht zu würdigen. – Unverkennbar, der hohe Stellenwert von ÖPNV und Fahrrad.

Ab Basel folge ich nun dem Rheintal-Radweg auf der deutschen Seite, der bis Rheinfelden jedoch nicht besonders attraktiv ist und ich schon befürchte, die falsche Streckenentscheidung getroffen zu haben.

Nach Rheinfelden werden Strecke und Landschaft jedoch deutlich schöner und das Schlosspark-Cafe in Bad Säckingen ist wie geschaffen für eine lange und entspannte Genießer- und Schlemmerpause. Himmel und Hölle liegen auf dem Rheintalradweg sehr dicht beieinander. Schönes und Häßliches, Sorgfältiges und Banales, Naturschutz und Landschaftszerstörung wechseln in rascher Folge. Mal führt die Strecke wunderschön und geradezu privilegiert direkt am Rhein entlang, dann wieder kilometerlang am Dauerstau vorbei, wie z.B. bei Waldshut. Die offene Grenze zur Schweiz hat sicherlich viele Vorteile für die Region, allerdings ersticken viele Orte und Städte nun im Verkehr. Pünktlich zum Anpfiff Deutschland gegen USA erreiche ich meine Privat-Unterkunft in Kadelburg und bin froh, dass mir überhaupt jemand die Tür aufmacht ;-)

6. Tag | Kadelburg > Eigeltingen, 118 km

Inzwischen bin ich voll und ganz im Radreise-Modus: Gefühlt schon ewig unterwegs, Zeit und Ziel verlieren an Bedeutung, einzig das Unterwegs sein und Erleben zählt. Unterstützt wird dieser Flow durch die nun noch schöner werdende Streckenführung und abwechslungsreiche Landschaft. Wie eng Deutschland und die Schweiz hier am Oberrhein verzahnt und auch verbunden sind, ist unverkennbar. Ein Dutzend mal passiere ich offene Grenzstationen und die Parkplätze vor den deutschen Supermärkten stehen zur Hälfte voll mit CH-Kennzeichen…

Nach Hohentengen schneidet die Strecke eine Flussschleife ab. Was auf der Karte nach langweiliger Transfairstrecke aussieht, entpuppt sich in der Realität als Glanzlicht. Wunderschöne Landschaft, traumhafte Wege und Ortschaften zum niederknien schön – tipp, topp, Schweiz eben. Nahezu unheimlich achtsam und sorgfältig die Eidgenossen.

Den nächsten Höhepunkt setzen die Rheinfälle und Schaffhausen, selbstredend mit internationalen Touristenpulks. Als Radfahrer muss man an der Rheinfallpromenade zwar 250 Meter schieben, aber was für ein Privileg, auf wunderschönen Wegen zu solchen herausragenden Sehenswürdigkeiten geführt zu werden. Auch die Strecke durch Schaffhausen hindurch – immer am Rhein entlang – ist vom Allerfeinsten. Kaum hat man die Stadtgrenze von Schaffhausen passiert, wird es zwischen Büsingen und Gailingen abgeschieden und beschaulich. Für eine längere Pause mit Schwimmeinlage im Rhein eignet sich das sehr schöne und gepflegte Flussbad in Gallingen. Im museal-prächtigen Stein am Rhein treffe ich dann nochmals auf die internationalen Tourismus-Ströme, bevor ich in Richtung nach Singen und Hegau abbiege.

7. Tag | Eigeltingen > Rottweil, 60 km

Das Hochgefühl vom Vortag ist verflogen, der Himmel nach sechs Sonnentagen wolkenverhangen und die Beine fühlen sich wie ein Milchsäuredepots an. Ich folge nun dem Hohenzollern-Radweg, eine kaum frequentierte Radroute, da sie über die Höhen der Alb führt und so viele und steile Anstiege aufweist. Auf kleinen Sträßchen mit wenig Verkehr geht es nun schön hinauf auf die Schwäbische Alb. Auf über 900 Meter steigt die Straße und durch das anrückende Tiefdruckgebiet ist es oben nicht nur »einen Kittel kälter«, sondern mindestens zwei.

Nach Tuttlingen geht es wieder steil hinunter (nix Gipfelstraße…), die Radwegeführung in der Stadt ist besch… und der gerade stattfindende Stadtlauf macht es auch nicht einfacher. Ein wenig genervt mache ich mich dann an den zweiten langen Anstieg auf über 1.000 Meter hinauf. Diesmal geht es quälend hinauf. Viel Verkehr, Wind und Nieselregen nagen an meiner Moral und auf der Höhe von Spaichingen beschließe ich (anstrengen: ja, quälen: nein), etwas früher als geplant in den Zug zu steigen. Mit 400 Höhenmeter »Rückenwind« bis Rottweil, wird das Radfahren nochmals zum Genuss und erst auf den letzten Kilometern von Herrenberg nach Hause werde ich dann das erste Mal auf der Tour richtig nass :-)

Fazit und Tipps

Auch wenn sich das nostalgisch verklärte Radreise-Gefühl aus den 1980er Jahren nicht eingestellt hat – welche Überraschung… – war meine Reise durchs Elsass in der letzten Juniwoche ein schönes Erlebnis und für eher sportliche Reiseradler unbedingt zu empfehlen.

Umsicht ist jedoch bei der Streckenwahl geboten. Denn die Zeiten, in denen die weiß in den Michelin-Karten eingezeichneten Departement-Straßen quasi garantiert verkehrsarm und fahrradgerecht waren, sind in vielen Regionen Frankreichs passé. Sprich ein guter Radführer oder Radkarte sind sehr empfehlenswert. Ich bin zum Beispiel überwiegend den Strecken aus dem Elsass-Radführer gefolgt. Auf dem vergleichsweise gut ausgeschilderten Rheintalradweg reichte mir die Karte aus dem gleichen Verlag. Mehr Bilder und Feininformationen zu dieser Reise gibt es wahrscheinlich am Rad und Reise-Abend im November.

Kommentare

  1. Rupert Drexel am 27. Juli 2014:

    Hallo Herr Stiener,
    vielen Dank für Ihren weiteren Reisebericht über das Elsaß, der mir sehr viel Freude beim Lesen bereitet hat. Die Reiseführer werden umgehend bestellt und die Tour in ähnlicher Routenführung gefahren. Lassen Sie uns auch weiterhin an Ihren tollen Radreisen teilhaben.
    Viele Grüße
    Rupert Drexel

  2. Johannes am 28. Juli 2014:

    Hallo Herr Stiener,
    ein schöner Reisebericht, der natürlich sofort Lust auf eine Radreise macht. Aber was muss ich da im Vorderrad sehen? Einen SON XS? Da wollte jemand aber 100 Gramm gegenüber dem Standard SON 28 einsparen, oder? Und wie fährt (oder besser leuchtet) es sich mit dem XS in einem 26 Zoll Laufrad?

  3. Johannes am 28. Juli 2014:

    …und sind die Schutzbleche in Rahmenfarbe beschichtet oder gibt es die zufällig in dieser Farbe?

  4. Stefan Stiener von Velotraum am 28. Juli 2014:

    @ Johannes,
    der SON XS ist nur wegen der Farbe in meinem Rad gelandet, nicht wegen des Gewichts, dass wäre ja bei 135 kg Systemgewicht (Fahrer, Rad Gepäck) ein wenig lächerlich. Da die Laufradsteifigkeit im Wiegetritt fühlbar abnimmt, ist er bei 26-Zoll-Laufrädern auch nicht zu empfehlen.

    Die grauen Schutzbleche gab es mal. Sie stammen aus der Zeit, als Mausgrau (RAL7005) mit Orange quasi unser Standardfarbe war ;-)

  5. Hans am 28. Juli 2014:

    Die Lieblichkeit dieser Landschaft ist Balsam für die Seele.

  6. macbookmatthes am 7. August 2014:

    Lieber Kollege Stiener,

    auch eine Option für alle die zu wenig Höhenmeter in den Beinen haben, oder zum Saisonausklang: Von Strasburg oder Basel nach Norden den Rhein entlang. Egal auf welcher Seite der Grenze man fährt, kann man viele schöne Touren entdecken. Wir haben es als “Test” für eine grössere Tour mit Kind genutzt und sind in einer Woche bis St. Goar gekommen, insgesamt gut 300 km.

    Beste Grüsse
    m

  7. Kalo Rien am 11. August 2014:

    Und? Was sagt die Waage nach den 700 Kilometern? Mehr Masse auf Rippen und Hüfte oder weniger?

    Der Hintergrund meiner Frage:

    41 Kilokalorien haben Teilnehmer
    einer Studie der Technischen
    Universität München im Durch-
    schnitt mehr konsumiert, als
    sie sich zuvor in 20 Minuten auf
    einem Fahrradergometer abge-
    strampelt hatten.

    Das sind keine guten Neuigkeiten
    für Fitnessfreunde: Offenbar
    langen Trainierende besonders gern
    nach Übungen zu, die der Fett-
    verbrennung dienen sollen.

    Quelle: Spiegel 11.8.2014

  8. Stefan Stiener von Velotraum am 11. August 2014:

    @ Kalo Rien,
    Leichte Verluste im Bereich der »muffin-tops« ;-)

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