Velotraum pur – oder doch lieber alles dran?

22. Februar 2016  |

Wir schauen ja immer ein wenig neidisch auf Rennrad-, Mountain- und Urbanbike-Kollegen, denn die brauchen sich um »Praktisches« wenig Gedanken zu machen.

Neidisch deswegen, denn je weniger dran ist am Rad, desto prägnanter und ikonographischer ist dessen Erscheinung.

Als Gestaltungs-affine Menschen leiden wir ab und an schon ein wenig darunter, dass konsequente Reduktion und umfassende Funktionalität nie unter einen Hut zu bringen sind – zumindest nicht mit einem vertretbaren Aufwand.

Wir haben aber dennoch ein kleines Experiment gemacht, in dem wir drei Kunden-Fahrräder zunächst in der sogenannten Basis-Ausstattung und schließlich als Komplettrad fotografiert haben. Nach unserem Empfinden werden da im Wesentlichen drei Aspekte deutlich:

  1. Auch Velotraum-Räder sind »nackt« prägnanter und stylischer, obwohl es sich bei den Beispielen um Kundenaufträge handelt, wir also einige wesentliche Register der Gestaltung nicht ziehen konnten (Sattelauszug, Lenkerhöhe, Vorbauwinkel usw.).
  2. Zur Designikone wird ein Fahrrad, welches für »alles-dran« konzipiert ist, natürlich auch allein durchs Weglassen nicht. Denn multifunktionale Ausfallenden, Anlötteile und eine für optimale Ergonomie- und Fahreigenschaften ausgelegte Rahmengeometrie unterliegen anderen Gesetzmäßigkeiten, als z.B. eine dynamische Linienführung oder messerscharfe Silhouette.
  3. Der Unterschied zwischen Basis- und Komplettrad ist zwar unübersehbar, aber wir finden, unsere Räder sehen auch »mit-allem-dran« verdammt anständig aus. Selbst dann, wenn es sich wie hier nicht um »Katalog-Modelle« handelt, also Räder, die speziell fürs Fotografieren aufgehübscht und optimiert werden.

»Marke ist gebundene Freiheit«

So groß der Reiz gelegentlich auch ist, mal so eine hemmungslos-funktionsreduzierte Stilikone zu kreieren, wir glauben ganz gut zu wissen, was unsere Kunden von uns erwarten und wie groß unsere Spielräume sind. Davon abgesehen, sind wir für reine Designikonen viel zu praktisch veranlagt ;-)

Wobei – immerhin haben wir es mit dem Pilger ins neue Velo 3rd Gear geschafft, einem wunderschönen, englischsprachigen Fotoband über die Vielfalt der Fahrrad(sub)kultur, mit zugegeben vielen Hipster-Vollbärten ;-) Der Band wird im März d.J. auf den Markt kommen.

Doch zurück zur Ausgangsfrage, liebe Leser: Pur oder alles dran, wie sehr Ihr das?

Kommentare

  1. Eberhard am 22. Februar 2016:

    Zwei Seelen wohnen in meiner Brust. Wenn Geld keine Rolle spielen würde, hätte ich mir mein Rad in doppelter Ausführung gekauft, einmal pur einmal mit Alltagsausstattung. Am Ende hat (mit einem tränenden Auge) der Pragmatismus gesiegt. ;-)

    LG Eberhard

  2. Michael S. am 22. Februar 2016:

    Als ebenfalls gestaltungs-affiner Mensch kann ich mich schon damit abfinden, dass das Reiserad wenig Potential für eine Stilikone hat – es wird gefahren und nicht an die Wohnzimmerwand gehängt. Im Alltag mit weniger Gepäck verzichte ich aber gerne auf (vermeintlich) Praktisches, wenn die Ästhetik dabei gewinnt – für viele Radfahrer und Velotraum-Kunden sicherlich nicht nachvollziehbar, die niemals ohne Schutzbleche, Gepäckträger, Ständer, Dauerbeleuchtung, Rückspiegel und Klingel losfahren würden. Schraubt man all das ab, kann man ein Reiserad aber durchaus optisch aufwerten, wie die Fotos oben und auch das eigene Velotraum zeigen …
    Und sofern es Mittel und Platzangebot hergeben, ist für ähnlich fühlende Menschen ein urbanes “Zusatz-Rad” ohnehin unvermeidbar.

    Neben vielen anderen Gründen ist das Reiserad meiner Freundin aber auch deshalb ein Velotraum geworden, weil bei den Komponenten des Baukastensystems und beim Rahmendesig zu erkennen war, dass hier behutsam ästhetisch vorgegangen wurde, sofern es die kleinen Gestaltungsspielräume eben zulassen (bspw. schwarze Andra-Disc-Felgen – ich meine eine Velotraum-Sonderauflage – BFO im Sortiment, etc). Bei eben diesen kleinen Gestaltungsspielräumen bleiben bei mir aber noch ein paar Wünsche offen: als erstes wäre da mal eine Sonderedition “Fillet brazed” … am besten als riemen-angetriebenen Speedster :)

  3. Stefan, Stuttgart am 23. Februar 2016:

    Ich weiß nicht, ob man über Geschmäcker streiten kann oder nicht, aber aus meiner Sicht sieht ein Velotraum dann am „geilsten“ aus, wenn es „nackig“ ist und etwa 40 bis 50 mm breite (und hohe) Reifen trägt. Exakt dann stimmen alle Proportionen und dieses Fahrrad ist eine hinreißende bis umwerfende Erscheinung, insbesondere in der Variante mit Stahlrahmen und Rennlenker. Meine Frau findet jedoch, dass ein Velotraum ohne Gepäckträger aussieht, als würde etwas fehlen.
    Bei einem Alle-Wetter-und-alle-Straßen-Velotraum gefällt mir aber auch die zweckorientierte Optik, weil die Fahrer ihr Rad nicht nur für den Sonntagsausflug benutzen, sondern als alltägliches „Lebensmittel“ betrachten. Ich selbst muss gestehen, dass ich Schutzbleche optisch hasse, aber praktisch (un)gerne nutze. Die Ästhetik eines reinen Sport- und Freizeitrads ist halt schlichtweg eine andere als die eines Alltags- und Ganzjahresfahrrads. Velotraum macht in beiden Varianten eine bella figura ;-) Leider begegnen mir aber meist Veloträume mit „Vollausstattung“, scheint eine Art „Kundenphilosophie“ zu sein.

  4. Rainer Bohnet am 23. Februar 2016:

    Mein Speedster hatte in der Ursprungsversion keine Beleuchtung, keinen Gepäckträger, kein Schloss und keine Bremsengriffe am Oberlenker. Da ich mit ihm in der Stadt bei jedem Wetter unterwegs war und bin, habe ich diese Dinge nachrüsten lassen. Das hat ihm nicht geschadet. Ganz im Gegenteil. Es ist ein perfektes und ungemein sportliches Alltagsrad.

  5. Markus M. am 23. Februar 2016:

    Ich bin mit meinem voll ausgestatteten Straßen-Bomber happy. Der ist trotz “allem dran” so schön, daß er es sogar auf Seite 18 des “velotraum handbuchs” gefunden hat :-D
    Aber über Schönheit lässt sich ja streiten…

  6. Andreas Webs am 23. Februar 2016:

    Mein Mountainbike (BJ. 1989) mit Basisausstattung wurde nach kurzer Zeit auf das Minimum gestrippt um dann im Laufe der Jahre wieder zum Komplettrad “aufgebaut” zu werden. Als Alltagsrad gibt es einfach nichts Besseres. Deshalb ist mein VELOTRAUM (BJ.2012) auch wieder ein Komplettrad geworden, auch wenn ich es jetzt etwas anders – nämlich gewichtsoptimierter – gestalten würde. Andererseits, dank Rohloff, Chainglider, Schwalbe Marathon etc. hatte ich bisher weder einen Platten, noch irgendwelche Verschleissteile bei einer Gesamtlaufleistung von ca 6000km.

  7. Rolf A. am 23. Februar 2016:

    Das VK12 gefällt mir am besten. Leider fehlt da noch der Vorderrad-Gepäckträger, zwei Flaschenhalter, der Diebstahlschutz und ein 5” Navi. Achja – und der Hilfsmotor.

  8. RD am 24. Februar 2016:

    @Rolf A.
    Doch gibt’s schon. Schau mal Ausstattungsvorschlag 12 E. Alles dabei, außer vielleicht die 2 Flaschenhalter, des Akku’ s wegen.
    Gruß
    RD

  9. Markus am 24. Februar 2016:

    Das schöne am Fahrrad an sich und bei den Velotraum Rädern insbesondere ist ja auch die Möglichkeit, als halbwegs technisch begabter Mensch eine Menge an Änderungen am Rad selber vornehmen zu können. Ich schraube gerne an meinem Velotraum welches ständig zwischen “nackt” und Vollaustattung wechselt. Je nach Lust, Laune, Wetter und Einsatzbereich.

  10. Dr. Snuggels am 29. Februar 2016:

    Nicht jede Schönheit sieht “nackt” auch am “geilsten” aus. :-D Die passende Kleidung betont die Reize eines Objektes.
    Daher finde ich mein Rad komplett ausstaffiert und im volllem Ortliebegewand am schönsten.

  11. AntonS am 1. März 2016:

    Lebensmittel schmecken geschält oder ausgepackt meist deutlich besser. Immer mehr zweifele ich, ob veloträume Lebensmittel sind. Daher ist meine Auffassung: ungeschält ist viel schmackhafter – leider auch naturgemäß schwerer.

  12. Ludger F. am 2. März 2016:

    Nun zeigt sich auch beim Velotraum mit Ausfallende, dass ein Logo-Gepäckträger ebenso wie ein Vega sehr hoch über das Schutzblech hinausragen. Ich fahre ein anderes Fabrikat, finde aber auch keinen Gepäckträger mit einer Höhe von 33-34 cm, der organisch gut fürs 26”-er mit Ausfallende passen würde. Velotraum hat ja einen Vega mit 35,5 cm im Programm. Aber auch der ist noch zu hoch. Liebe Veloträumer, fragt doch bitte einmal bei Tubus nach, ob es auch einen Vega mit ca. 34 cm für 26”-er mit Ausfallende geben könnte. Über den Preis kann man dann ja noch sprechen.

  13. Dr. No am 3. März 2016:

    @ 12. Ausfallenden haben vermutlich alle VT-Räder, auf jeden Fall die abgebildeten. ;)
    Meinst Du veilleicht das Pinion-Rad mit verschiebbaren Ausfallenden?
    Tja – das ist eben der Preis für diese Lösung zum Spannen der Kette/des Riemens.
    Aber der Kettenspanner war auch wieder Einigen nicht recht, wie ich mich erinnere…. man kann’s wohl nie allen recht machen.

  14. Matthias aus Bochum am 11. März 2016:

    Habt Ihr von Tubus schon ‘was gehört, wann Bernd Herkelmann die Wingee Schutzbleche (http://www.wingee.bike/) mit integrierten Trägern serienreif bekommt? Das wär doch noch ‘ne Möglichkeit zur optischen Reduktion.

  15. H. Erum aus Schlackern am 11. März 2016:

    Denkst du, diese Wingee-Konstruktion kann außerhalb des Fotostudios funktionieren?

    Foto des ganzen Fahrrads

    Foto des Vorderrads

  16. Stefan Stiener von Velotraum am 11. März 2016:

    @ Matthias,
    Reduktion ja, aber die Dinger wiegen mehr als eine Fatbike-Felge und sind extrem unflexibel bei der Anpassung an die verschiedenen Rahmenmodelle und Rahmengrößen. Für Großserienhersteller mit großen Stückzahlen pro Modell/Größe vielleicht interessant, für den (bezahlbaren) Unikat-Bau im Moment noch uninteressant.

  17. Rainer am 12. März 2016:

    Warum baut ihr nicht mal ein, zwei reine Showbikes für Messen und fürs Fotostudio, bei denen ihr alle Register zieht, ohne Rücksicht auf Preis oder Alltagstauglichkeit – als emotionale Imageträger? Ich finde es toll, was z.B. amerikanische Manufakturen auf der NAHBS zeigen. Und daneben stehen gleichberechtigt “Alles-dran”-Räder, um zu zeigen, dass man beides kann.
    Nur weil die meisten VT-Kunden dann schließlich ein Vernuftrad kaufen, träumt der ein oder andere bestiimt noch von einem vernunftfreien Coffeeracer oä, falls irgendwann Geld und Platz übrig isti..

  18. Stefan Stiener von Velotraum am 13. März 2016:

    @ Rainer,
    danke für die Anregung. In dem aus unserer Sicht sinnvollen Rahmen machen wir das durchaus, siehe zum Beispiel hier oder hier.

    Mit dem »alle Register ziehen«, also uns zu weit von unseren Möglichkeiten zu entfernen, haben wir keine guten Erfahrungen gemacht. Es verwirrt und verärgert unsere Kunden mehr, als es sie inspiriert. Denn allzu gern wird speziell von unseren männlichen Geschlechtsgenossen »überhört« bzw. »überlesen«, dass es sich um ein Showbike/Messemodell handelt, dass das gezeigte nicht für ein paar Euro mehr zu realisieren ist, oder dass eine Lösung nur für Fahrer bis 90 Kilogramm geeignet ist…

  19. Peter am 14. März 2016:

    Hallo zusammen,

    für mich ist Velotraum vor allem durch die tolle Kombination aus sportlichem Fahrrad MIT Vollausstattung spannend – jedenfalls war das für mich der Grund, mich für ein Velotraum zu entscheiden. Als reines Sportgerät, also im Sinne der Diskussion “ohne Alles” gibt es für mich spannendere Produkte am Markt; mein funkelniegelnagelneues tannengrünes vollausgestattetes VK2 ist dagegen schlicht ein Traum! In diesem Sinne sehe ich die Kernkompetenz bei Alltags- und Reiserädern – hier aber ganz ganz weit vorne im Markt mit dabei.

  20. Okay am 15. März 2016:

    Ohne Leuchte und Schutzblech wirken die Steuerrohre mE viel zu lang – dank der 26er :-)

    Daher gefallen wir die Bikes auch optisch vollausgestattet besser!

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