Mehr Raum für das Fahrrad!

25. Februar 2010  |

Vivavelo, der erste Fahrradkongress in der Berliner Landesvertretung von Nordrhein-Westfalen war ein schöner Erfolg.

Und hat so ganz nebenbei den Chronisten von seinem Vorurteil geheilt, dass Kongresse generell eine besonders subtile und raffinierte Form der Zeitverschwendung wären – so ehrenwert das jeweilige Anliegen auch sein möge.

Zumindest beim »Vivavelo«-Kongress war alles ganz anders! Dazu ein paar höchst subjektive Eindrücke.

Politische Nebelkerzen

Am Anfang hatten leibhaftige Politiker das Wort. Jan Mücke, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium war voll des Lobs für die unterschätzte und der Krise trotzenden Fahrradbranche, die immerhin 13,0 Milliarden Euro Umsatz im Jahr generiert und über 200.000 Menschen beschäftigt.

Auch das nächste politische Schwergewicht, der Verkehrsminister a.D. Kurt Bodewig sparte nicht mit Anerkennung und betonte das große Potenzial des Fahrrads im Mobilitätssplit der Zukunft. Unterm Strich blieb es aber bei gut gemeinten Absichtserklärungen, wie »Fahrrad als Selbstverständlichkeit im Straßenverkehr«, die aber wenig konkret und schon gar nicht verbindlich wurden. Daran konnte auch ein kritisch nachfragender Michael Adler von »fairkehr« wenig ändern.

Konkret und eindeutig sind jedoch die seit Wochen völlig vereisten und unbenutzbaren Radwege, nicht nur in Berlin…

»Menschen sind im Stadtbild wichtiger als Autos«, von diesem klaren Motto der Stadt Kopenhagen, die bis 2015 zur weltbesten Fahrradstadt werden möchte, sind wir leider noch weit entfernt. Ein Interview mit Klaus Bondam, der treibenden Kraft hinter diesem Vorhaben wird sich übrigens in der nächsten Ausgabe des VCD-Magazin fairkehr finden.

Megatrends und Visionen

Viel »einfacher« hatte es da Jeanette Huber vom »Zukunftsinstitut« mit ihrem launig-pointierten Vortrag. Die Zukunftsexpertin attestierte dem Fahrrad ein großes Potenzial bei den Megatrends Mobilität, ethischer Konsum (Lohas), Individualität und Vernetzung. Allerdings muss die Fahrradbranche aufpassen, diese historische Chance nicht zu verpassen. Der Irrglauben, dass früher oder später eh keiner mehr am Fahrrad vorbei kommt, könnte sich schnell als Bumerang erweisen.

Einen signifikanten Bedeutungsverlust prophezeit die Forscherin im übrigen den motorisierten Statussymbolen. Der Wertewandel erwischt die PS-Branche sozusagen auf dem nicht mehr zeitgemäßen, durchgedrückten Gaspedal.

Speziell in den Metropolen gibt es schon relevante Bevölkerungsgruppen, für die das Auto nur noch eine von vielen Mobilitätsoptionen ist. Sprich, die momentane Absatzkrise unserer süddeutschen Premiummarken ist wahrscheinlich nicht nur der »großen Krise« geschuldet… Doch wie sagte schon Karl Valentin: »Prognosen sind schwierig, insbesondere wenn sie die Zukunft betreffen«

Der Radfahrer, das unbekannte Wesen

Wie sind denn eigentlich die Meinungen und Stimmungen der Menschen gegenüber dem Fahrrad? Manfred Tauscher, der im Auftrag des ADFC eine bundesweite, repräsentative Befragung durchgeführt hat, gab darauf zum Teil unerwartete Antworten.

So lässt sich zweifelsfrei feststellen, dass auch die breite Bevölkerung, also nicht nur die Fahrradbegeisterten, in ihrer Pro-Fahrradeinstellung der Politik weit, weit voraus ist. Insbesondere auf kommunaler Ebene. Sprich, Politik und Verwaltung haben in Sachen Fahrradinfrastruktur einen gewaltigen Nachholbedarf. Wirklich überraschend war, dass die Deutschen inzwischen mit dem Fahrradfahren mehr Spaß verbinden als mit dem Autofahren! Zu schön, um wahr zu sein, oder?

Furioser Spielverderber

Mit professoralem Duktus – ich fühlte mich sofort 25 Jahre zurückversetzt – ging Prof. Dr. Andreas Knie zur Sache. In einem ungemein eloquenten und rasanten Rundumschlag machte er den Anwesenden klar, dass auch ein höherer Fahrradanteil im Mobilitäts-Modal-Split Probleme mit sich bringen würde und Leihsystemen die Zukunft gehören würde. Okay, der Mann arbeitet für die DB-Rent, aber speziell in den großen Metropolen ist europaweit inzwischen viel in diese Richtung im Werden. Allein Paris hat inzwischen 20.000 Leihfahrräder und London (siehe z.B. London Cycling Campaign) ist gerade im Begriff ähnliches zu tun.

Auch die großen Konzerne, ob Energie, Auto oder Elektrotechnik, so plauderte der Professor aus dem Nähkästchen, arbeiten mit »rasantem Tempo« an neuen Mobilitäts-Konzepten. Zielsetzung: Nicht mehr jeder besitzt seinen eigenen Drahtesel oder seine eigene Blechkiste, sondern Mobilität wird als Just-in-time-Dienstleistung zur Verfügung gestellt.

Podiumsdiskussion »Wer braucht wen«

Nach diesen geistigen Höhenflügen brachte die abschließende Podiumsdiskussion die Teilnehmer wieder zurück auf den harten Boden der Tatsachen. Die mehr rhetorische Frage, »Braucht die Politik das Fahrrad, weil es ein potenter Problemlöser auf den Gebieten Umweltschutz, Mobilität und Gesundheit ist?«, konnte zwar getrost mit »Ja« beantwortet werden.

Leider hilft das bei der chronisch schwachen Unterstützung von Seiten der Politik wenig. Insbesondere der verkehrspolitische Sprecher der Grünen, Dr. Anton Hofreiter, ließ keinen Zweifel daran aufkommen, dass nur penetrantes »auf der Matte stehen« auf Bundes-, Landes- und besonders kommunaler Ebene, daran etwas ändern. Auch ein so geniales Produkt wie das Fahrrad muss sich seinen Platz erkämpfen.

Der nächste Tag war dann mehr von verschiedenen Workshops geprägt, die unterschiedlichste Themen auf der B2B-Ebene (business to businiss) behandelten, also nichts für dieses Blog ;-)

Zurück vom Planeten Berlin

Mit was für einem Erkenntnisgewinn kommt man nun zurück aus der Hauptstadt? Sicherlich mit keiner konkreten Agenda, aber mit vielen, vielen Denkanstößen und jeder Menge Motivation. Auch Bestätigung ist dabei, denn bei einer Vielzahl der »Megatrends« mischen wir mit unserem Velotraum-Mikrokosmos ganz gut mit.

Es war natürlich auch ein Treffen von Gleichgesinnten aus der Branche, deren Fahrrad-Vision über das Unternehmerische hinausgehen. Im Alltag oft Konkurrenten oder Einzelkämpfer, stand bei Vivavelo das gemeinsame Ziel im Mittelpunkt – noch ein Megatrend: die Community ;-)

Eine dickes Lob gebührt unbedingt der überschaubaren VSF-Mannschaft um Albert Herresthal. – Hallo VSF-Team! Ihr habt da schon beim ersten Versuch eine selten stimmige Veranstaltung organisiert, bei der Umgebung und Inhalt perfekt korrespondierten. Glückwunsch! – Zudem wurde das politische Bewusstsein sensibilisiert für die Aufgabe, mehr auf die Politik einzuwirken und damit mehr Beachtung und mehr Raum fürs Fahrrad einzufordern.

Das auf dem Kongress verabschiedete Abschlusskommuniqué fasst das Ganze nochmals in Form von zehn klaren Forderungen an die Politik zusammen.

Verweise:
Vivavelo, Fahrradkongress
Zukunftsinstitut, Jeanette Huber
ADFC-Monitor 2009, Pdf Fahrradland Deutschland
DB Rent, Prof. Dr. Andreas Knie
Auto-Presse.de, die andere Seite; Zitat: »Das gute alte Fahrrad hat diese Aufmerksamkeit verdient. Bedenklich nur sind die Legenden, die sich ums Fahrrad und dessen ›steigende Bedeutung für die Mobilität in Städten, Ballungsräumen‹ und ›zunehmend auch für den ländlichen Raum‹ ranken…«

Kommentare

  1. Christian aus München am 25. Februar 2010:

    vielen dank für ihren bericht. irgendwann werden dann vielleicht auch die radwege geräumt oder radfahrer müssen nicht mehr absteigen und schieben, wenn für viele millionen euro wieder mal die straßen im frühjahr saniert werden müssen… kann sich eigentlich jemand ein schild vorstellen auf dem der autofahrer aufgefordert wird auszusteigen und zu schieben wenn ein radweg erneuert werden muss?
    sehr interessant auch der link zur auto-presse.de, ich glaub herr wolfram riedel hat nicht wirklich verstanden worum es eigentlich gegangen ist.

  2. Björn, PB am 25. Februar 2010:

    Die Überheblichkeit, die aus den Worten des Wolfram Riedel spricht, ist zum Kotzen. Das ist reines, auto(!)suggestives Klientel-Geschreibsel.

  3. Peter am 8. März 2010:

    Möchte auch rasch meinem Ärger über Wolfram Riedel Luft machen! Der vernünftige Einsatz eines Rades ist Wetterabhängig. Darüber mag jeder denken wie er will. Laut Statistik sind die meisten Autofahren aber auch über eine Kurzstrecke die sehr gut mit dem rad fahrbar ist. Wenn ich seh wie meine jungen Nachbarn den 5 minütigen Fußweg zum Einkaufen regelmäßig, auch für kleinste Besorgungen, mit dem Auto zurücklegen, freue ich mich auf die Postfossile Zeit! Dies ist vermutlich genauso vernünftig wie die Idee diese Strecken mit dem Auto zurückzulegen.
    Zu den Chinesen: Der Verkauf der Pedelecs steigt dort an auf das doppelte der Auto-verkaufszahlen (fairkehr 1/2010). So schlecht scheint die Erfahrung mit Fahrträdern dann doch nicht zu sein!

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