Von Trondheim nach Oslo. Im Winter. Mit dem Velotraum-Fatbike »Pilger«

24. Januar 2014  |

Als Gunnar Fehlau uns anbot, den Pilger-Rahmen auf einer Extrem-Tour in Norwegen zu testen, hatten wir schon etwas Bauchweh.

Denn bisher stehen ja nur zwei Prototyp-Rahmen zur Verfügung. Aber anderseits, welch famose Gegelegenheit für einen nicht alltäglichen Härte- und Praxistest. Hier der Bericht von Gunnar Fehlau…

Lieber Herr Stiener,

ich kann mich noch sehr gut erinnern, wie ich Mitte der Neunziger Jahre – damals für Michael Bollschweiler/aktiv Radfahren – eines der ersten Stahl-Velotraum Reiseräder zum Test erhielt. Das Rad war damals eine Offenbarung. In vielerlei Hinsicht: Kein MTB, kein Randonneur und auch kein Trekkingrad; irgendwie mittendrin. – Der erste Reflex war »Marketing-Mist, faule Mitte, statt klare Eignung!« Dass eben genau das die eigentliche Stärke des Rades war, wurde bereits auf der ersten Tour klar: Das Rad war für alles gut (Straße, Forst, Touren, Stadt) und für nichts wirklich schlecht. Eines fürs Alles …

Als ich zum ersten Mal von Fatbikes hörte, hatte ich auch wieder diesen Reflex »nur für Spinner und nix für deutsche Breiten«, aber irgendwie war meine Neugier geweckt, also habe ich mir eines aus Alaska selbst importiert. Ein harter Bock für den Wintersport … cooles Gerät, aber irgendwie etwas eindimensional im Einsatzzweck: »Ballern im Winter«.

Vor der Eurobike bekam ich vom Pilger Wind und ich dachte mir: Genau, ein Fatbike mit deutscher Handschrift, mit urbanen Anleihen und für Touren gemacht. Erfahrung kommt für mich von fahren … und ich erinnerte mich an den Test in den 1990ern und sprach bei Ihnen vor, ob ich der »Idee Pilger« mit einem echten Selbstversuch auf den Zahn fühlen kann. Dass das dann so schnell und unkompliziert mit dem Musterrahmen klappte, war cool. Nun bin ich von einer einwöchigen Wintertour aus Norwegen zurück. Ich werde über meine Erfahrungen in einer Reportage berichten und auf meinem privaten Blog sicher noch etwas posten.

An dieser Stelle aber erst einmal und nochmals herzlichen Dank für Ihre Hilfe bei dieser (Selbst)Erfahrung. Es ist unglaublich, wie paradigmatisch ein Tourenfatbike die Sichtweise auf Radtouren umwälzt. Radtouren sind 365 Tage im Jahr, quasi überall und zu jeder Witterung möglich, das lehrt einen der Pilger. Wir sind in Norwegen von Oslo nach Trondheim gefahren. Zum einen in Anlehnung an den Rennradklassiker Trondheim–Oslo, wobei wir in allen Belangen die Vorzeichen geändert haben: Winter statt Sommer, Gelände statt Straße, dunkel statt hell, Selbstversorgung statt Rennorga, Genuss statt Geballer, kalt statt warm … zum anderen – der Name verpflichtet – sind wir lange Passagen des Wander- und Rad-Pilgerweges von Oslo nach Trondheim gefahren.

Die Tagestemperaturen lagen zwischen -2° und -34° Celsius, die Tagesetappen zwischen 50 und 130 km. Teils sind wir alpine Anstiege (800 hm auf 10 km auf Schnee bei -7° C) gefahren, auf den Abfahrten war ich mit dem 45 kg schweren Pilger bis zu 70 km/h schnell. Unsere Durchschnittsgeschwindigkeit betrug kaum 11 km/h … das sind aber nur Zahlen. Sie beschreiben nicht, wie eindrucksvoll es ist, quasi alleine über menschenleere verschneite Plateaus zu fahren, die Natur auf sich wirken zu lassen, die Elemente zu spüren und bei all der Ruhe auch in sich hinein zu hören … pilgern halt! Ich könnte noch Seiten über die Erlebnisse schreiben (passiert ja auch bei anderer Gelegenheit).

Fasse ich mich kurz: Der Pilger ist eines der beeindruckendsten Räder, die ich in den letzten 20 Jahren gefahren bin. Ein Aha-Effekt wie beim ersten guten Pedelec oder dem Birdy von Riese & Müller … Es ist für mich ein Rad, das meinen Erkenntnishorizont, was Radfahren bedeuten kann, erweitert hat, weil es den Erlebnishorizont Radfahren erweitert. Es ist ein additives Rad, kein substituierendes … Mit diesem Rad kann ich Dinge erleben, die ich mit keiner anderen Radgattung erleben kann. Irgendwie kann ich mir einen Radfuhrpark ohne ein solches Fatbike nicht mehr wirklich vorstellen. Ich glaube, dass der engagierte Reiseradler der Zukunft zwei Räder haben wird: einen straßenorientierten Randonneur (zügig für gut bis mäßige Straßen oder Schotterpisten) und ein Tourenfatbike für alle Jahreszeiten, Eventualitäten, Untergründe und Witterungen und für die ruhigen Touren …

Genug des Lobs, zu den kleinen Kleinigkeiten, die am Pilger noch angepasst sein sollten, sollten wir telefonieren, rufen Sie einfach durch, wenn es Ihnen passt!

Ach ja, das norwegische TV fand unsere Tour auch berichtenswert.

In diesem Sinne Respekt! und Weiter so! Grüße ans ganze Velotraum-Team

Weitere Informationen und Eindrücke dieser Tour gibt es auf Zeit Online. [ Velotraum 27.01.14]

Kommentare

  1. Hans am 26. Januar 2014:

    an VT: Wird die Realisierung des Projektes “Pilger” unter Einbeziehung einer Rohloff-Lösung betrieben oder nicht?

  2. Pimp my Pilger am 26. Januar 2014:

    Also wenn ich es richtig verstanden habe dann geht Pilger weder mit Rohloff noch mit Pinion wegen der Kettenlinie. Siehe Cheffe’s Beitrag vom 4.9.13.
    suche den 650er und Spielbein Artikel vomn August 2013und gehe zum Kommentar Nummer 20.
    Aber wer weiss? Vielleicht gibt es ja Neuigkeiten?
    Pimp my Pilger with Pinion, Pedelec or Rolf…ein lustiges Motto fuer die Eurobike 2014 Oder 2015!?

  3. Ralf aus Hannover am 27. Januar 2014:

    Hallo “Pimp-my-Pilger”
    Ein Fatbike mit Rohloffnabe findest Du auf fogender Web-Side:
    http://fatbikes.com/9zero7-nuvinci-sliding-frame-bike.html
    Also möglich ist die Rohloff im Fatbike schon, allerdings scheint sich der Hersteller nicht an die minimal zulässige Übersetzung von 2,1 gehalten zu haben. Außerdem: Wer will so viel Geld für ein Spezialrad mit relativ schmalem Einsatzbereich ausgeben ? Das Aufziehen normal breiter Reifen dürfte bei den extrem breiten Felgen und der sich stark ändernden Tretlagerhöhe nicht möglich sein. Das Pinion-Getriebe könnte interessant werden, wenn man einen zweiten Laufradsatz mit normaler Bereifung mit größerem Durchmesser, also 28”, montiert.
    Das ganze System wäre aber trotz hohem Nutzen extrem teuer.
    Vielleicht ist ja eine Lösung mit der Shimano-11-Gang-Nabe ein guter Kompromiss aus Aufwand und Nutzen. Einen Adapter zum Überbrücken der verschiedenen Achsmaße gibt es unter http://salsacycles.com/culture/salsa_mukluk_its_all_about_the_details
    Sinnvoll wäre aber trotzdem ein Excentertretlager für die Nabenschaltung zum Kettenspannen, um auf den Kettenspanner verzichten zu können.
    Der Erfolg oder Mißerfolg der Fatbikes hängt m.E. davon ab, ob bei gemäßigtem Profil der breiten Reifen der Rollwiderstand erträglich bleibt. Der Trend geht jedenfalls Richtung breit, siehe: http://www.schwalbe.com/de/tour-reader/marathon-almotion.html

    Beim Reisebericht von Gunnar Fehlau wären etwas mehr Details interessant. Welche Schneehöhen wurden bewältigt ? Gab`s Probleme mit dem motorisierten Verkehr ? Wie waren die Übernachtungen organisiert, spontan ? Hattet Ihr Schlafsäcke mit, aber kein Zelt ?

  4. GuF am 27. Januar 2014:

    … Schnee lag vergleichsweise wenig. wir hatten selten mehr als 10cm Weich/Neuschnee. Probleme mit Autos gab es nur bei der großflächigen Baustelle auf der E6 am ersten Abend (sind dann einfach direkt wieder auf hügelige kleine Straßen rechts und links der E6 ausgewichen). Übernachtungen wäre als Biwak geplant, was aber nur in der ersten Nacht funktionierte, anschließend spontan in Holzhütten auf Campingplätzen (haben immer etwas gefunden, selten mehr als 10km “Zusatz” nach Beginn der Hüttensuche. Wir hatten Biwaksäcke und Tarp, aber kein Zelt dabei

    Echte Reportage folgt auch noch,!

  5. Hans am 27. Januar 2014:

    Natürlich lässt sich ein Pilger mit Rohloff-Schaltung realisieren. Das ist technisch kein Problem, muss eben nur angegangen werden. Was den Preis eines solchen Radls angeht: Wer es haben will muss es halt bezahlen. So ist das immer im Leben.

  6. Stefan Stiener von Velotraum am 27. Januar 2014:

    @ Hans,
    prinzipiell hast Du natürlich recht. Dennoch, so einfach ist es leider nicht. Zumindest wenn man sich die momentan bestehenden Realitäten vor Augen hält, bzw. Bastel- und provisorische Lösungen außen vor lässt.

    Wir haben so ziemlich jede sinnvolle und mögliche Lösung untersucht und zum Teil getestet, die es ermöglichen würde, eine Rohloffnabe im Velotraum Pilger zu verwenden. Darunter waren bereits bekannte, aber auch neue Lösungen. Im Moment scheitern alle vorstellbaren Lösungen an der Nabengeometrie der Speedhub, sprich die 60 Millimeter Flansch-Abstand sind viel zu gering für 80 oder 100 Millimeter breite Felgen. Die ganze Problematik wird noch durch die klassische Klemmbreite von 135 Millimeter verschärft. Nur mit abenteuerlichen Adapter-Lösungen (denen Rohloff sehr reserviert gegenüber steht) oder vogelwilden Einspeichmethoden kriegt man die Speedhub so eingebaut, dass zumindest die Kettenlinie einigermaßen passt. Eine Fatbike-Speedhub ist seitens Rohloff im Moment nicht geplant.

    Die Werkzeugkosten für den Pilgerrahmen/Gabel/Gepäckträger sind auch so schon sehr hoch und unser Ziel ist es dennoch, nicht nur Fatbikes für 3.500 bis 5.000 EUR anzubieten, sondern auch schon für 2.500 EUR – was ja auch schon eine Menge Geld ist…Vor diesem Hintergrund haben wir davon abgesehen, gleich die erste Rahmenserie mit einem kostspieligen Exzenter-Tretlager auszustatten.

    Sollte sich fürs Fat-Touren-Bike à la Pilger ein nachhaltiger Markt abzeichnen, wird Rohloff wahrscheinlich den immensen Aufwand für ein fast komplett neue Speedhub betreiben, so hoffen wir zumindest.

  7. Hans am 27. Januar 2014:

    Ja, alles eine Frage des Aufwandes….

    Hier noch eine Anmerkung zum VT900-Rahmen.
    Mir ist der Freiraum zwischen Schutzblech und Reifen zu gering, wenn ich 55er-Bereifung verwende (Mondial 55-559 zum Bleistift). Da würde ich mir mehr wünschen; ca. 10-15 mm mehr. Und fahren ohne Schutzbleche ist inakzeptabel, weil ich als Ganzjahresfahrer und AlleSituationenfahrer den Dreck der Straße nicht auf Gepäck und Kleidern haben möchte. Z.Zt. habe ich auf der Fahrt zur Arbeit (insgesamt ca. 50 km täglich) den ganzen Schnee zwischen Reifen und Schutzblechen hängen, weil da alles zu eng.

  8. Fatbike-Anwärter am 2. März 2014:

    @ GuF,
    unter Kommentar 4 schreibst du dass noch eine “echte Reportage” folgt. Gibts die schon irgendwo?

  9. GuF am 3. März 2014:

    Hi Fatbike-Anwärter,

    der wird kommen, aber sicher erst in 4-8 Wochen, jetzt liegen erst einmal haufenweise Projekte auf dem Schreibtisch … dieses Jahr fing nach dem Motto an: “Erst das Vergnügen … dann die Arbeit” … das rächt sich jetzt ein wenig! However, Herr Stiener wird sicher umgehend verlinken, wenn ich “Vollzug” melden kann! Cheers GuF

  10. GuF am 10. November 2014:

    Hi Fat-Anwärter, Vollzug!

    http://4-seasons.de/magazinartikel/traumtour-oslo-trondheim-mit-fatbikes

    Gruß GuF

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