Zu Besuch bei Rohloff

18. Mai 2009  |

Die Einladung zum »Wanted Day« war eine willkommene Gelegenheit, den inzwischen berühmten Hersteller der 14-Gang-Nabe Speedhub mal wieder in Kassel zu besuchen.

Der letzte Besuch bei der Firma Rohloff war vor neun Jahren. Damals ging es um die erstmalige Verwendung der Speedhub im Velotraum-Konzept.

Über die Hintergründe der Wanted-100.000-Aktion, den Gewinner der vergoldeten Speedhub sowie den Wanted Day gibt es einen schönen Bericht und ein 12-Minuten-Video auf rohloff.de und auf der Homepage der aktiv Radfahren, so dass wir hier mehr unsere persönlichen Eindrücke des Besuchs wiedergeben möchten.

»Ab nach Kassel!«

Diese Redewendung wird scherzhaft oder mit Unmut verwendet, wenn man sich von jemandem leichten Herzens trennt oder jemandem im Sinne von »nur schnell weg« schleunigst loswerden möchte (Quelle Wikipedia). Seit die Rohloff-Nabe in der hessischen Großstadt (Eigenwerbung der Stadt Kassel) gefertigt wird, muss man diese Redewendung wohl in »nix wie hin« uminterpretieren.

Allerdings befindet sich die Firma Rohloff nicht mehr im Stadtkern, sondern seit dem Umzug 2004 eher am Stadtrand von Kassel. Aus einem kleinen, etwas improvisiert wirkenden Gewerbegebiet mit unbefestigten und ausgefransten Straßenrändern ragt, schon von weitem sichtbar, das hellgelbe Rohloff-Betriebsgebäude heraus.

Hier also wird »die weltbeste Fahrradnabe« (FTD) hergestellt. Gemessen an Ruhm und Ruf der Nabe wirkt das Betriebsgebäude, trotz des kleinen Schwimmbeckens im Vorgarten, bodenständig und bescheiden, fast ein wenig tiefgestapelt. Man ist jedoch für alle Eventualitäten gerüstet, erklärt Barbara Rohloff und freut sich über ein angrenzendes Stück Wiese, das als Erweiterungsfläche zur Verfügung steht.

Die Rohloffs

Bevor es mit der Verlosung und diversen Ehrungen losging, hatte die Hausherrin Barbara Rohloff das Wort. Dass die »Babs«, wie sie von ihrem Mann und den Mitarbeitern genannt wird, den Titel Geschäftsführerin nicht nur als Lametta trägt, ist dabei deutlich spürbar. Hier hat »Frau« den erfolgreichen Laden und das überwiegend aus Männern bestehende Umfeld fest im Griff. Mit dem viel sagenden und selbstironischen Bonmot, »jetzt möchte ich – was keine Frau gerne tut – das Wort an meinen Mann übergeben«, konnte dann die Bernd-Rohloff-Show beginnen.

Wenn der Erfinder der Speedhub über seine Nabe redet und mit aufschlussreichen, originellen und skurrilen Fakten, Anekdoten und Schrullen sein mechanisches Kleinod mit Leben füllt, hat das immer größten Unterhaltungswert. Eine feine Mischung aus Understatement, Selbstbewusstsein und verschmitzter Cleverness. Der »Bernd« könnte glatt als schwäbisches Cleverle durchgehen…

Mit der Tatsache, dass die Radsportler und Sportradhersteller – für die die Speedhub ja eigentlich entwickelt wurde – die Nabe überwiegend links liegen lassen, haben sich die Rohloffs inzwischen arrangiert. Wenngleich ihr Herz noch sehr für die »Sportfahrer« schlägt, wie Ehrungen und Sponsoring am Wanted Day zeigen.

Für den Siegeszug und die imposanten Stückzahlen der Speedhub sind jedoch die »Zweitverwerter«, also Reise-, Alltags- und anspruchsvolle Freizeitfahrer verantwortlich, deren Anforderungen und Wertesystem sich hervorragend mit den Eigenschaften der Speedhub decken.

Betriebsbesichtigung oder die Spitze des Eisbergs

Die eigentliche Produktionsstätte der Rohloff-Nabe ist ein großer und klar strukturierter Raum mit einem guten Dutzend unspektakulärer Arbeitsplätze, an denen die zugelieferten Einzelteile geprüft und zusammengesetzt werden. Auf den ersten Blick nicht sehr spektakulär…

Doch was man hier sieht oder, was einen Rohloff sehen lässt, ist nur die Spitze des Eisbergs. Denn die eigentliche Leistung, die Konzeption der Nabe, geeignete Materialien und Präzisions-Zulieferer finden, die Zusammenarbeit mit den Zulieferern, die Finanzierung,… bleiben für uns an diesem Tag unsichtbar. Dennoch, allein schon das Verfahren, mit dem die Rohloff-Naben Stück für Stück zusammengesetzt werden, die unzähligen kleinen Arbeits- und Kontrollschritte bis zum fertigen Produkt fasziniert und lassen den Respekt vor der Rohloff-Mannschaft nochmals gehörig steigen.

Der Manufaktur-Charakter der Produktion ist dabei ein unverzichtbarer Bestandteil des Ganzen. Denn immer wieder müssen Toleranzen bei den Zulieferteilen ausgeglichen und kompensiert werden. Deshalb ist auch jeder Arbeitsplatz mit Messuhren gespickt, mit denen jeder Montageschritt kontrolliert und geprüft und im Bedarfsfall nachjustiert wird. Uns erinnert die Arbeitsweise stark an die Manufaktur eines befreundeten Uhrenmachers.

Und sie lässt auch Parallelen zu unseren eigenen Produkten zu. Denn auch bei Velotraum ist nur ein Bruchteil der Arbeit, der Vorprodukte und notwendigen Prozesse sichtbar, die für das zu Stande kommen des Endprodukts notwendig sind.

Funktion und Name dieses Bauteils hat der Fotograf leider vergessen ;-)

Inzwischen ist unsere Besichtigungstruppe bei der fertigen Nabe angekommen und allen Besuchern brummt leicht der Kopf angesichts so vieler ineinander greifender Rädchen. Bevor die Nabe in die Auslieferung kommt, werden auf einem Prüfstand nochmals alle Funktionen geprüft. Dass die Rohloffnabe auch rabiate Bedienung wegsteckt, demonstriert Carsten Geck von Rohloff, indem er wie wild von Gang 1 bis 14 hin- und herschaltet, ohne dass dabei im Nabeninneren etwas durcheinander gerät.

Schlussbetrachtung

In Zukunft werden wir also mit noch mehr Wertschätzung und Begeisterung die Rohloff-Speedhub-Nabe fahren und empfehlen. Nicht nur weil die Nabe ein wunderbares Produkt ist, sondern auch weil sie, ähnlich wie unsere Fahrräder, Ausdruck eines sehr speziellen Lebenstraums ist.

Ohne uns mit Rohloff auf eine Stufe stellen zu wollen, verbindet uns doch mehr, als wir bisher gedacht hatten. Die Individualität (unter dem Alugehäuse ist jede Nabe ein individuell abgestimmtes Unikat), der menschliche Manufaktur-Maßstab bei der Produktion, das familiäre und sehr teamorientierte Arbeiten, Qualität, Nachhaltig- und Wertigkeit sowie den Respekt und die Liebe zu unseren Kunden.

Spät, um elf in der Nacht, ging der »Wanted Day« zu Ende. Ein sehr schöner, erlebnis- und erkenntnisreicher Tag, bei einem sehr großzügigen und engagierten Gastgeber.

Dafür ein herzliches Dankeschön an das ganze Rohloff-Team.

Kommentare

  1. Stefan Ströher am 18. Mai 2009:

    Hallo und danke für den tollen Artikel!

    Ja, das ist der Background dazu, was ich ständig mit »meiner« Rohloff erlebe: anspruchsarm nach außen aber anspruchsvoll nach innen – wie ein guter Freund den man nicht mehr missen möchte!
    Weiter so mit Rohloff & Velotraum!

    Stefan

  2. Günter Kraus 73642 Welzheim am 20. Mai 2009:

    Wenn Sie sich schon für Nabenschaltungen stark machen dann sollten Sie
    auch den Kettenschutz verstärkt d.h. nur noch Räder und Fotos mit Kettenschutz in Ihre home page bzw. für Fachzeitschriften abbilden.

    mfg guenter_willi_kraus@whirlpool.com

  3. Jan am 20. Mai 2009:

    Warum denn, Günter?

  4. Frank am 21. Mai 2009:

    Ich habe Fragen zu dem »cross 7005 Ex Sport«-Rahmen:

    1.) Warum empfehlt ihr den Rahmen nicht mit Rennlenker? (Mit einem evtl. etwas kürzeren Vorbau müßte das doch gut gehen, oder ?)

    2.) Den Hinterbau habt ihr ganz leicht verkürzt, weil mit dem Rad vermutlich keine ganz voluminösen Radtaschen von Menschen mit sehr großen Füßen transportiert werden, und so ein Rad deshalb sportlicher, direkter und leichter sein kann …, oder warum ?

    3.) Mich wundert, dass trotz des Exzenters der Preis im Bereich des »cross 7005« liegt, also 60 Eu günstiger ist, als der »cross 7005 Ex-Rahmen«; gibt es da einen Grund für ?

    4.) Habt ihr einen »cross 7005 Sport« geplant ? (Damit so ein »Kettenschaltungs-Fan« wie ich, sich den Exzenter sparen kann?)

    Tausend Dank im voraus für die Beantwortung !!

    Und liebe Grüße an alle Leser.

  5. Stefan Stiener von Velotraum am 21. Mai 2009:

    @ Frank

    1. auch mit einem kürzeren Vorbau ist das Oberrohr des Sport-Rahmen meinstens zu lang für den Rennlenker. Aber Ausnahmen bestätigen auch hier die Regel und am besten lässt sich dies über die Velotraum-Messmaschine ermitteln. Ansonsten ist der »cross 7005« die bessere Lösung für Kettenschaltung und Rennlenker.

    2. richtig, der Sport-Rahmen ist nicht als Lastenesel konzipiert, verträgt aber bei Bedarf auch große Packtaschen. Die kürzeren Streben machen das Rad einen Tick dynamischer und direkter.

    3. der Grund ist, beim Sport kommen nicht die speziell für uns gefertigten und teueren CNC-Ausfallenden zum Einsatz, sondern Standard-Ausfallenden die nur einen Bruchteil kosten.

    4. da muss ich Dich leider enttäuschen, es ist zwar für 2010 etwas in Richtung »sportlich« geplant, aber einen »cross 7005 Sport« wird es nicht sein.

  6. Sandro am 22. Mai 2009:

    Hallo,

    zu 4. Sind genauere Infos bereits erlaubt?

    Grüße und ein schönes Wochenende,
    Sandro

  7. Stefan Stiener von Velotraum am 23. Mai 2009:

    Hallo Sandro,
    hinsichtlich der angedeuteten Neuheiten für 2010 wollen wir uns bis zur Eurobike bedeckt halten. Ein bisschen Spannung muss doch sein, oder? ;-)

  8. Sonja am 23. Mai 2009:

    Oh, da bin auch ich gespannt! Was velotraum dann neben den wirklich wunderbaren, stabilen, sehr gut zu fahrenden und vielseitigen Speedster-Modellen noch in Richtung »Sport« bieten wird.
    Richtig vorstellen kann ich es mir im Moment nicht, womit ihr euer Angebot da ergänzen wollt.
    Noch mehr Leichtigkeit? Wohl kaum.
    Möglichkeit eines größeren Kettenblatts? (Nee, das passt, ja nicht ins Konzept der Rahmen.)
    Genug spekuliert. Ich gehe jetzt raus in die Sonne …
    und grüße herzlich!!

  9. Helmut am 1. Juni 2009:

    Der Bericht über den Besuch bei Rohloff weckt bei mir eine angenehme Erinnerung an einen telefonischen Kontakt mit Barbara Rohloff. Meine erste Speedhub wollte anfangs nicht so recht wie sie kann und soll. Mein damaliger Händler (nicht Velotraum!!!) eierte herum, mehrmals war ich dort zur Klärung, er probierte herum, nichts änderte sich, ich hatte das Gefühl, er glaubt mir nicht und ›eigentlich kann das ja gar nicht sein‹.
    Ziemlich genervt rief ich bei Rohloff an, meine Gesprächseröffnung war bestimmt nicht freundlich. Ganz souverän reagierte die Chefin, hat sofort erkannt, worum es ging und es mir kurz und präzise erklärt. Genau so kurz war ihre Anleitung, was jetzt zu tun ist. So habe ich es gemacht und nach kurzer Zeit waren alle Probleme vergessen. Mich hat das damals sehr beeindruckt, wohl zu Recht, wie ich nach Eurem Besuchsbericht annehme.

  10. Thomas Baur am 15. Juni 2009:

    Es überraschte mich, dass die Speedhub für Radsportler gedacht war. Noch mehr war ich überrascht, dass Rohloff nicht nachvollziehen kann, dass die Nabe dort keine Akzeptanz findet. Da Radsportler gewöhnlich mit Rennlenker fahren, müsste die Speedhub mit einem passenden Schaltgriff bedient werden können. Da Rohloff hierzu noch nichts eingefallen ist, dürfte vielleicht ein Grund sein, warum Rennsportler die Nabe noch nicht in Betracht ziehen können. Auch ich muss mich an zwei Rädern noch mit der klassischen Schaltung rumplagen, weil es keine intelligente Lösung für Rennlenker gibt.

  11. Radlmaxe am 15. Juni 2009:

    Mit »Radsportlern« meinte Rohloff wohl keine Rennradfahrer, sondern »Mountainbike-Sportler«. Diese fahren oft durch Dreck und Schlamm und da hätte man annehmen können, dass sich diese daher für eine robuste und schmutzresistente Gangschaltung interessieren.

    Mein derzeitiges Velotraum hat noch eine Kettenschaltung, diese wird aber beim nächsten Fahrrad der Rohloff weichen. Gerade mit Gepäck gibt es Situationen wie z. B. hügelige Gegenden, wo sich die Steigungen ändern und dabei immer so ungünstig sind, dass man mit dem Gang am Hinterrad egal ob man vorne das mittlere oder äußere Kettenblatt wählt stets ungünstig liegt.
    Bei Änderungen der Steigung muß kann man dann nur noch einen Gang höher schalten, wenn man vorne das Kettenblatt wechselt und hinten entsprechend zurückschaltet und umgekehrt was auf Dauer nervt. Bei einer Getriebenabe entfallen die vorderen Kettenblätter, überlappende und auch grenzwertige Gänge, bei denen ein Hochschalten um einen Gang nur dann möglich ist, wenn vorne auf ein anderes Kettenblatt geschaltet wird.

    Der einzige Nachteil der Rohloff-Schaltung ist, dass es keinen Schalthebel mit Hebeln wie bei der Alfine gibt. Drehschalter mag ich nicht. Ein weiterer Nachteil ist der überaus hohe Preis. Dieser war Grund meiner Entscheidung für die Kettenschaltung. Ich hoffe, dass die Rohloff in 2 oder 3 Jahren erschwinglich wird.

  12. Ein Radfahrer aus Köln am 3. April 2012:

    Ich fahre die Rohloff Nabe nunmehr seit 2006 und sage nur, diese Schaltung ist mehr als eine Philosophie, sie ist Purismus.

    Kein Gedanke mehr an Schaltfehler, an Putzorgien oder sklavische Wartungsintervalle..diese Nabe ist ein Wunderwerk deutscher Ingenieurskunst. Und…alles Gute hat seinen Preis. Die einzige Schaltung, die sich mühelos im Stand schalten läßt. Wehrmutstropfen > paßt nicht in Standardrahmen, zumal, wenn man diese mit Scheibenbremse fährt. Für Rennsport nur bedingt geeignet (zu schwer)

  13. Steffen Krenzer am 10. Mai 2012:

    Hier einige sehr interessante Schalthebel für die Rohloff.
    Ich warte sehnsüchtig auf September und hoffe auf moderate Preise.

    http://www.mittelmeyer.de/Fahrradteile/BSG-Rennlenker/bsg-rennlenker.htm

    Steffen

Ihr Kommentar