Das Reifenformat

Das Reifenformat und die Reifeneigenschaften sind von grundlegender Bedeutung für den Einsatzbereich und die Fahreigenschaften des Fahrrads. Es ist quasi das Schuh- und Fahrwerk des Rads und von vergleichbarer Relevanz, wie der Rahmen. Wichtig dabei: das Reifenformat ist in keinem Fall mit der Laufradgröße gleich zu setzen! Das Reifenformat und die damit verbundenen Möglichkeiten, gehen weit über die Bedeutung der Laufradgröße hinaus.

Tradition versus Fortschritt

Vielseitig nutzbare Fahrräder werden traditionell mit 28-Zoll Laufrädern gebaut, dadurch sind Kunden und Hersteller seit 30 Jahren geprägt. Während sich potentielle Fahrradkäufer meist über aktuelle Schaltungen und Bremsentechnik den Kopf zerbrechen, fristet die Bereifung, bzw. das Reifenformat, ein Schattendasein. Dabei hat sich die Reifen- und Felgentechnologie in den letzten Jahren rasant entwickelt und neue Technologien und Erkenntnisse stellen alte Paradigmen auf den Kopf. Beispiel gefällig: Noch immer ernten wir ungläubiges Staunen, wenn wir darauf hinweisen, dass breite Reifen weniger Rollwiderstand haben, als schmale Reifen. 

Klarheit im Laufradgrößen-Wirrwarr

Seit über 20 Jahren wird bei Velotraum das Reifenformat umfassender, sprich konzeptionell betrachtet und ist eine der vier grundlegenden Säulen auf der alle Velotraum-Räder basieren. Somit messen wir der Bereifung bzw. dem Reifenformat einen sehr hohen Stellenwert bei, und genau aus diesem Grund beschränken wir uns auf zwei Laufradgrößen: 26 Zoll und 27,5 Zoll.
Viele Laufradgrößen-Bezeichnungen sind historisch gewachsen bzw. fürs Marketing aufbereitet worden. Wenn man statt dieser eher verwirrenden Größenbezeichnungen den Felgen-Nenndurchmesser aus der E.T.R.T.O-Norm (European Tyre and Rim Technical Organisation) verwendet, reduziert sich das Ganze auf drei Größen:

Mit ein wenig Kopfrechnen ist unschwer zu erkennen: die Laufradgrößen liegen lediglich 25 bzw. 38 Millimeter auseinander. Diese überschaubaren Unterschiede sind auch der Grund dafür, weshalb allein die Laufradgröße die Fahreigenschaften nur in einem vernachlässigbaren Umfang beeinflusst.

26 Zoll: die Grundlage

Als »bestes Laufradformat des Planeten« bezeichnete die Fachzeitschrift Trekkingbike in der Ausgabe 6/2015 die 26 Zoll-Größe. – Wir und eine Reihe anderer, selbstdenkender Hersteller sind davon überzeugt, dass »26-Zoll« alle Laufrad-Modetrends überleben wird, angesichts so bestechender Eigenschaften:

Vielseitigkeit — Für keine andere Laufradgröße gibt es so viele unterschiedliche Reifenarten wie für 26 Zoll und ebenso vielfältig sind die Profilvarianten. Vom optimal asphalt- tauglichen Slick bis zum grobstolligen Profilreifen ist alles erhältlich. So kann beim Velotraum-Konzept die Reifenwahl als wunderbar vielfältiges Mittel zur Abstimmung des Rades, bzw. zur Anpassung an Ihre individuellen Wünsche genutzt werden. Kostengünstig, schnell, unkompliziert und fast ohne Einschränkun­gen. Somit ist garantiert, dass sich immer die richtige Bereifung findet – auch wenn sich Ihre Vorlieben ändern.

Stabilität — Infolge des sechs Zentimeter kleineren Durchmessers gegenüber 28 Zoll (ø 622 mm), sind 26-Zoll-Laufräder um zirka 30 Prozent stabiler. Dafür verantwortlich ist das dichtere Speichengeflecht und der günstigere Winkel der Speiche zur Felge. Mit der Stabilität steigt freilich auch die Haltbar­keit, da Speichenbrüche infolge von Mate­ri­al­ermüdung praktisch ausgeschlossen sind.

Verfügbarkeit — Ein weiterer, gewichtiger Vorteil von 26 Zoll ist die weltweite Verfügbarkeit. Bei keiner anderen Laufradgröße besteht eine so hohe Wahrscheinlichkeit Ersatz für Schlauch, Reifen, Felge oder gar ein ganzes Laufrad zu bekommen. Durchaus auch beim normalen Radurlaub relevant, da die Fahrrad-Diaspora schon schon im europäischen Ausland beginnt, denn nur eine handvoll Länder verfügen über eine so exzellente Fahrrad-Versorgungslage wie Deutschland!

Leichtlauf — Ein sehr kontroverses Thema. Das komplexe Zusammenspiel von Oberflächenspann­ung (Luftdruck), Wulstbildung, Karkassen­qualität, Gummimischung und Laufradgröße lässt sich nicht auf einfache Formeln wie »breiter rollt besser als schmäler«, »je größer der Durchmesser, desto geringer der Rollwiderstand« usw. reduzieren. – Nur soviel kann man mit Gewissheit sagen: Der Größenunterschied ist von völlig untergeordneter Bedeutung. Relevant für den Leichtlauf sind vielmehr: Luftdruck, Reifenmodell, Reifenbreite, Felge und Schlauch(!).

Komfort — Noch bis vor kurzem nahm man an, dass ein niedriger Luftdruck den Rollwiderstand generell erhöht. Neuere Untersuchungen ergaben ein differenzierteres Bild. Ein niedriger Luftdruck erhöht zwar den Rollwiderstand auf glatten Belägen (guter Asphalt), auf rauen Forst- und Landwirtschaftswegen verringert sich jedoch der Roll­wider­stand, da das Rad nicht mehr von Unebenheit zu Unebenheit springt. Mit speziell breiten Felgenprofilen lässt sich das Komfortpotential breiter Reifen (50 bis 60 Millimeter) nochmals besser nutzen. Allerdings erfordert der Niederdruck-Betrieb einen sehr bewussten und präzisen Umgang mit dem Luftdruck.

Rahmendesign — Breite Reifen und die passenden Schutzbleche benötigen viel Platz im Rahmen. Im Vergleich zu einem reinen Sportrad (an dem keine festen Schutzbleche montiert werden können) müssen rund 2,5 cm mehr Platz vorgesehen werden und zwar fürs Hinter- als auch fürs Vorderrad. Bei 28-Zoll-Rädern verschlechtert sich dadurch nicht nur das Fahrgefühl, also die Spritzigkeit und die Kraftübertragung; auch der höhere Gepäckschwerpunkt ist ein Manko der großen Laufräder. Tendenziell lässt sich sagen, dass bei 28-Zoll-Laufrädern, Rahmen und Gabel in gewisser Weise um die großen Laufräder herum konstruiert werden müssen. Insbesondere 26 Zoll bietet mehr Spielraum bei der Rahmenkonstruktion und das Design kann sich voll und ganz an den gewünschten Fahreigenschaften ausrichten.

Federgabel — Alle Rahmen des Velotraum-Konzept’ sind für den Einbau einer Federgabel bis 80 Millimeter Federweg vorgesehen. Entweder gleich beim Kauf oder zu einem späteren Zeitpunkt. Das ist nicht selbstverständlich, denn wirksame Federgabeln mit 80 Millimeter Federweg benötigen, ähnlich wie Schutzbleche, zusätzlich »Platz« im Rahmen und verringern die Schrittfreiheit.
Fahreigenschaften — Velotraum-Fahrräder mit ihren 26-Zoll-Laufrädern sind spürbar agiler, spritziger, präziser und gehen einfach »besser um die Ecken«. Das geringere Gewicht, die höhere Stabilität und Steifigkeit und die kompaktere Rahmen­geometrie summieren sich zu einem besonderen Gefühl von Direktheit bei der Kraftum­setzung und Verbundenheit mit dem Fahrrad. Am besten können Sie diese Eigenschaften bei einer Probefahrt erleben und erfahren.

27,5 Zoll: die Ergänzung

Die Wiederbelebung dieser alten Laufradgröße ist eine Art Verlegenheitslösung der Mountainbike-Branche. Im Zuge der Markteinführung der sogenannten »29er« (twentyniner) haben die Mountainbike-Schaffenden und deren angegliederten Sprachrohre »26 Zoll« in Grund und Boden gestampft. Freilich ohne dabei zu bedenken, dass eine so bewährte Größe auch weiterhin ihre Existenzberechtigung haben könnte… Inzwischen hat man zwar erkannt, dass die »29er« mindestens so viele Vor- wie Nachteile haben. – Statt einer Rückbesinnung wurde eine neue Größe aus dem Hut gezaubert: 27,5 Zoll bzw. 650B.

Schön und gut, aber wie passt das damit zusammen, dass Velotraum die Laufradgröße 27,5 Zoll anbietet? Die Erklärung ist einfach. Die meisten Argumente für 26-Zoll gelten, wenn auch in abgeschwächter Form, für 27,5 Zoll. Daher sind 26 Zoll und 27,5 Zoll für uns kein Widerspruch, sondern eine interessante Ergänzung.
Wie bereits erwähnt fällt der Größenunterschied gering aus. Er bewegt sich zwar im sicht- aber nicht im spürbaren Bereich – zumindest nach unseren Erfahrungen. Ein Vorteil dieses geringen Größenunterschieds ist, dass 26“ und 27,5“ in allen Rahmen (Rädern) des Velotraum-Konzept’ und Speedster in der Kombination mit einer Scheibenbremse verwendet werden können. Ganz nach persönlichem Geschmack und visuellen Vorlieben.

Durch die Nähe zum Neuheiten-getriebenen Moutainbike-Markt stehen für 27,5 Zoll Technologie-Trends früher zur Verfügung, wie zum Beispiel Felgen mit großer Hornbreite oder die vielversprechenden, wenn auch noch nicht anwenderfreundliche, schlauchlos-Technologie.

27,5 Plus: die Erweiterung

Ungleich mehr, als eine optische Variante sind Reifen im sogenannten Plus-Format. Die Entstehung der Plus-Reifen haben wir dem Fatbike zu verdanken, dessen superbreite Reifen und Felgen völlig neue Einsatzbereiche ermöglich­en und damit in der Tat neue Horizonte eröffnen. Fatbikes, insbesondere Lösungen wie der Pilger, sind im wahrsten Sinne des Wortes All-Terrain-Fahrräder, Spezialisten fürs Extreme und nicht für universelleren Freizeit-, Touren- oder gar Alltagseinsatz geeignet. Darüber hinaus benötigen Fatbikes eine Vielzahl spezieller Komponenten. Gesucht war daher ein Reifenformat, welches die Omniterra-Eigenschaften des Fatbikes mit der Effizienz (Gewicht, Rollwiderstand) des Mountainbikes vereint und überwiegend mit Standard-Komponenten montiert werden kann.

Das Ergebnis – Reifen in der ETRTO-Größe 60-584 bis 75-584 – kann durchaus überzeugen und für Velotraum ist das Plus-Format und das Finder-Konzept der Brückenschlag zwischen Velotraum-Konzept (26 Zoll) und Fatbike (Pilger).

Das Plus-Reifenformat ist allerdings nur die halbe Miete. Genauso wichtig sind die Felgen, bzw. der Felgenhorn-Abstand. Erst die Kombination aus großem Felgenhorn-Abstand und breiten Reifen ermöglicht es, den Luftdruck auf Fatbike-Niveau (zirka 0,8–1,0 Bar) zu reduzieren und zwar ohne dass der Reifen wegknickt.

27,5 im Mischbetrieb

Für Velotraum steht natürlich nicht so sehr der klassische Mountainbike-Einsatz im Vordergrund, als vielmehr die Eignung als Eier-legende-Woll-Milch-Sau. Dafür prädestiniert sind zum Beispiel die Super Moto-X Modelle von Schwalbe. Schon die Alltags und fürs Pedelec geeignete Ausführung in 62-584 verblüfft mit erstaunlichen Allround-Eigenschaften. Bei einem Luftdruck von 1,5 Bar rollt der Reifen auf Asphalt und guten aber nicht asphaltierten Wirtschaftswegen leicht und ungemein souverän. Lediglich beim Beschleunigen und am Berg hoch spürt man das Gewicht von 1.100 Gramm. Bei diesem Luftdruck ist der Komfortgewinn im Vergleich zu einem zwei Zoll breiten Reifen zwar spürbar, allerdings noch nicht so, dass man von einem Quantensprung reden könnte.

Erheblich mehr Komfort, Traktion und Sicherheit vermittelt der Super Moto-X bei einem Luftdruck von 1,0 bar. In der Größe 70-584 kann man den Luftdruck gar auf 0,7 bar reduzieren. Bei trockenem Untergrund kann man damit richtig ins Gelände gehen und grobe Schotterwege wie Almwege in den Alpen oder Forstwege im Mittelmeerraum werden nahezu »geschluckt«. Allerdings nimmt der Rollwiderstand auf gutem Untergrund spürbar zu, – die Gesetze der Physik gelten also auch für das Plus-Format. Durch eine gelungene Abstimmung von Reifen- und Felgentechnologie hat man es beim Plus-Format jedoch geschafft, den Widerspruch zwischen Leichtlauf und Komfort in einen Bereich zu verschieben, der für viele Einsatzzwecke interessant ist.
Neben den technischen Voraussetzungen (Reifen, Felgen, Rahmen) kommt dabei dem Experimentieren mit dem exakten Luftdruck eine neue Bedeutung zu, denn schon 0,1 bar Unterschied sind erfahrbar. Je nach Reifentyp und Einsatzbereich lassen sich sowohl ein optimaler Allround-Luftdruck ermitteln, bzw. mit ein paar Pumpenstößen das »Fahrwerk« einfach und schnell anpassen.

27,5-Plus ist daher ein faszinierendes Reifenformat für alle, die überwiegend jenseits des Asphalts unterwegs sein wollen oder müssen. Bis zur (gemessenen) Reifenbreite von 63 Millimeter passen viele Standard-Komponenten (Schutzbleche, Gepäckträger), so dass der Touren- und Alltagstauglichkeit nichts im Weg steht.