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Roaming Pedals – »Bottom Road« und »Ode an das Vehikel«

Kaum war der dritte Reisebericht der beiden Afrika-Radlerinnen veröffentlicht, kündigte Tanja in einer E-Mail an: »Ich melde mich bald mit einer kleinen Bonusstory zur Bottom Road«.

Aus der »kleinen Bonusstory« ist ein mitreißender Reisebericht über sechs Ausnahmetage auf der »Bottom Road« entstanden. Einmal mehr, ein herzliches Dankscheen dafür an Roaming Pedals.

№04 – Backcountry-Expeditionen »Bottom Road«

Von Tanja Willers und Johanna Hochedlinger

Zum Jahresanfang eine Ode an das Vehikel – Nicht, dass wir überrascht wären, aber gesagt werden muss es halt doch mal wieder: Die Radln san a Wahnsinn!

Auf unserer Zambiadurchquerung ließen wir uns zwei mal zu absoluten Backcountry-Expeditionen entlang alter oder in der Regenzeit nicht zu gebrauchender Straßen durch idyllische Einöde und wildromantische Landschaften hinreißen. Beide Touren wurden uns von leidenschaftlichen Endurofahrern ans Herz gelegt, keine der Strecken wäre mit einem Auto zu bewältigen gewesen und jeder der insgesamt sechs langen, schweißtreibenden Tage war eine emotionale Achterbahn, aber unterm Strich (vielleicht zum Teil auch genau deshalb) ein Hochgenuss. Was will ein Radlerinnenherz mehr?

Die beiden Finder, auf denen wir seit Mitte September durch Afrika rollen, hatten schon wieder viel zu lange Asphalt unter den Reifen und so wurden sie zwei Mal mehr auf Getriebe und Gabelbrücke getestet. Und sie bewährten sich quer durch alle Elemente.

Entlang der so genannten Bottom Road im Tal des Kariba Stausees im Süden Zambias leben tatsächlich Menschen, auch wenn die »untere Straße« im Gegensatz zur asphaltierten oberen schon seit rund 15 Jahren nicht mehr erhalten und bereits von Vegetation und Witterung zurückerobert wurde. Sie gehören dem Stamm der Tonga an und leisteten uns auf unserer Expedition von Sinazongwe nach Munyumbwe immer wieder freundlich interessiert Gesellschaft – immerhin dürfte diese Gegend nur ausgesprochen selten weiße Radlerinnen zu Gesicht bekommen. Die zu bewältigende Strecke von knapp 100 Kilometern verlangte uns und den Rädern drei schweißtreibende Tage lang alles ab, was wir bisher nur mit Mountainbiken am Gardasee oder der Red Bull Rampage in Verbindung gebracht hätten: loses Geröll, blanker Fels, steinige, scharfkantige Passagen, wegloses Gelände zwischen nachwachsenden Mopanebäumen und ein nicht enden wollendes Auf- und Ab mit gelegentlichen Fernblicken über das tiefgrüne Dickicht.

Mit über 100kg Systemgewicht lag die Angst vor ächzenden Rahmen und Gepäckträgern und stark strapazierten Laufrädern nahe, aber kein Stöhnen, kein Schlottern war zu vernehmen, sondern immer nur diese vertrauenserweckende Präzision und Laufruhe, selbst wenn unsere Nerven und Konzentration am Ende eines langen Tages schon längst durchgescheuert waren. Nicht die kleinste Flickpause gönnten uns auch unsere »patschnfreien Schlapfen«, die sich von spitzen Steinen und scharfkantigen Schieferplatten partout nicht beeindrucken ließen.

Wer uns aber während dieser Tage am meisten aus der Reserve lockte, das war die unwirkliche Übersetzung des Getriebes. Technische Bergaufpassagen, die wir mit einem resignierten »Das geht sich nie aus« oder »Unmöglich!« in Angriff nahmen, wurden nicht selten unter Begleitung eines mit jedem gefahrenen Meter lauter werdenden, leicht hysterischen Lachers bewältigt, nein, besiegt und liegengelassen. »Oida, ich weiß nicht mal, ob ich das mit meinem Fully überhaupt raufgefahren wäre!« höre ich Johanna noch sagen …

Nichtsdestotrotz blieb uns an besonders steilen Geländestufen auch die Erfahrung des Bergaufschiebens – Trizeps, olé – beziehungsweise zu zweit Tragens der inklusive Wasserreserven knapp 50kg wiegenden Räder nicht erspart. Doch dass dies erst ein kleiner Vorgeschmack auf unser zweites Backcountry Abenteuer sein sollte, das wussten wir zu diesem Zeitpunkt zum Glück noch nicht.

Im bereits erwähnten endlosen Auf und Ab ging es dann im zweiten Teil der Strecke zwischen kleinen Dörfern, unter den ungläubigen Blicken und erfreuten Lachern der Einheimischen und zuweilen in Begleitung des ein oder anderen Radlers zwischen uralten Baobabs dahin und wir durften lernen, dass die zwar sehr robusten jedoch minimalistisch ausgestatteten Räder der Locals mangels Gangschaltung meist bergauf geschoben, oben nicht selten aufgepumpt und anschließend in halsbrecherischem Tempo und blindem Vertrauen in die Rücktrittbremse bergab gefahren werden. Da loben wir uns die beiden unabhängig voneinander wirkenden Hydrauliksysteme, die wir mit je einem Finger verlässlich unter Kontrolle haben.

Als wir zwei Wochen später in vor Dreck starrenden Klamotten und mit zitternden Händen zum gefährlich nahen Schnauben und Grunzen der Hippos an den kleinen Befestigungsschrauben unserer Mudguards herumhantieren, um der nun ungewollten Bremswirkung des betonartig aushärtenden Schlamms entgegenzuwirken, wissen wir: Diesmal sind es nicht die Felsstufen, die uns zusetzen werden. Wir sind mitten drin in »Expedition No.2«, der »Old Petauke Road«, die bekannterweise in der Regenzeit von keinem Menschen zum Spaß befahren wird. »Klingt genau nach unserer Art von Spaß!«, dachten wir und schmissen uns zwei Tage lang hinunter in die immer nasser werdende Landschaft am Luangwa Fluss, der hier die natürliche Grenze zum South Luangwa Nationalpark bildet, um am dritten Tag mit ernstem Blick festzustellen: Alles in uns schreit zwar danach, aber Umdrehen ist jetzt keine Option mehr. Also machen wir weiter, zumal sich die Information zum Zustand der letzten 60 von insgesamt 180km mit jedem Mal Nachfragen ändert. Von »Aiaii, you will face many troubles …« über »It will be bad, but not as bad as before« bis hin zu »Oh, it’s a good road!« ist alles dabei und wir beschließen ab jetzt selektiv nur mehr zu hören, was uns Mut macht.

Auch in dieser Wildnis sind wir natürlich meist nicht alleine, aber wie auch zuvor auf uns selbst gestellt. Keine asphaltierte Hintertür, keine medizinische Infrastruktur und kein Wort Englisch werden uns hier im Ernstfall helfen. Die Landwirtschaft und Viehzucht betreibenden Einheimischen leben hier ein halbes Jahr lang mit und in den Schlamm- und Wassermassen, die sie von der sauberen Zivilisation trennen. Trotzdem finden sich immer wieder kleine Inseln der Rast in Form eines heruntergekommenen Schulgebäudes, unter dessen Vordach wir die Nacht verbringen, oder eines wasserdichten Strohdaches, unter dem wir gemeinsam mit den Dorfbewohner*innen einen plötzlichen Regenguss abwarten dürfen. Die Kinder hier sind auf während der Safarisaison offenbar zuhauf durchkommende weiße Gesichter dermaßen konditioniert, dass sie uns mit irren Blicken und nach »Sweets« schreiend verfolgen.

Doch dann wird es plötzlich gespenstisch still. Keine Dörfer säumen mehr unseren Weg, keine Rufe und Pfiffe hallen uns nach und Autos sind hier in dieser Jahreszeit ebenfalls kein Thema, aber wir begegnen einigen stark strapazierten und regelmäßig absaufenden Motorradfahrern und Die-Hard-Barfußradlern, die uns immer wieder die ein oder andere Umfahrung unpassierbarer Wegstrecken zeigen oder mit gutem Beispiel bei einer weiteren Flussdurchquerung vorangehen.

Zur Erläuterung der Qualitäten, die unsere Reifen während dieser schmierigen Schlammschlacht ausspielen durften, braucht es nur Johannas Aussage »Meine nächsten Schuhe haben ein Johnny Watts Profil«. Nicht nur eine Slapstickeinlage in komplett verklebten Schuhen oder auf haltlosen Fußsohlen zaubert uns zwischenzeitlich einen amüsierten Grinser ins Gesicht.
Außerdem ist vermutlich nachvollziehbar, welch Seelenruhe einem 100% wasserdichte Taschen und ein geschlossenes Schaltgetriebe geben – angesichts anbrandender Wassermassen, spritzender Schlammpfützen und herumfliegenden feuchten Sandes, der sich auf den Bremsscheiben lautstark bemerkbar macht.

Und als die Flüsse schließlich bauchnabeltief werden, kommen wir in den Genuss, unser 17kg Rad samt Frontloader und Lenkerbehang auch mal zu schultern und die Backroller und Proviantsäcke extra ans ans andere Ufer zu befördern. Es funktioniert, die breiten Alurohre bieten die selbe angenehme Auflagefläche wie unsere Mountainbikes, aber auch wenn unsere Schultern und Nerven aus Stahl immer noch den einen Fluss mehr aushalten würden sind wir heilfroh, als da plötzlich die erste Betonrampe anstelle einer Brücke und einige Kilometer weiter schließlich die so lange herbeigesehnte Asphaltkante auftauchen.

Wir haben es geschafft und es war geil. Bekanntlicherweise verhalten sich die Freude und das Erfolgsgefühl nach einem solchen Abenteuer direkt proportional zur Wahrscheinlichkeit des Scheiterns und der Entbehrungen, die man durchgestanden hat. Somit wären beide Projekte auch ohne die Schönheit der Natur und der zwischenmenschlichen Begegnungen schon bereichernd genug gewesen und dann waren da noch galoppierende Giraffen im Morgenlicht, Wirbelstürme aus aufstiebenden Schmetterlingen, riesige Warane, herumspringende Paviane, glotzende Warzenschweine und Impalas, Hyänen- und Elefantenspuren, dröhnende Hippos und farbenfrohe Paradiesvögel.

Wir lieben, was wir zu Gesicht bekommen, wenn wir unsere Kräfte mit denen unserer Traumvehikel vereinen.

Liebe Grüße
Tanja & Johanna

Roaming Pedals auf:

  1. Podcast Drahtesel
  2. auf Wordpress
  3. im ORF.at

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