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Roaming Pedals – Auf zwei »Findern« von Kapstadt nach Wien

Es ist noch keine drei Monate her, da erreichte uns eine vor Energie knisternde E-Mail von zwei abenteuerlustigen Frauen aus Wien.

Völlig ohne Langzeit-Radreise-Erfahrung – ganz zu schweigen von Afrika – wollten die Wienerinnen von Kapstadt nach Wien radeln, möglichst mit zwei Velotraum-Findern.

Wie das Unterfangen, so war auch der Zeitplan der beiden Frauen sehr sportlich. Doch mit viel gutem Willen von beiden Seiten haben Tanja und Johanna die Räder am 3. September in Weil der Stadt abholen können. Dabei haben wir die beiden ungemein sympathischen und aufgeweckten Energiebündel nochmals besser kennen gelernt, und konnten ihnen auch noch ein paar Tipps zum Pinion-Getriebe mit auf die Reise geben :-)

Inzwischen ist nun ihr erster Reisebericht aus Südafrika eingetroffen. Geplant sind eine lose Folge von Berichten, die wir hier auf dem Blog veröffentlichen werden. Wir freuen uns da schon sehr drauf.

№01 – Ein langer Heimweg

Von Tanja Willers und Johanna Hochedlinger

Hier sind wir nun also, in “Alexanderbaai”.https://de.wikipedia.org/wiki/Alexander_Bay an der wilden Westküste Südafrikas und schon seit fast drei Wochen auf dem längsten Heimweg unseres Lebens.

Wir, Johanna und Tanja aus Wien, beide 35 Jahre alt und leidenschaftliche Mountainbikerinnen, haben uns zu unserer ersten großen Radreise durchgerungen. Wir haben die Wohnung vermietet, den Bus abgemeldet und uns von Familie und Freunden verabschiedet, um im kommenden Jahr von Kapstadt nach Hause zu fahren. Aber wo und was ist eigentlich dieses »zuhause«? Eine Frage, die uns fortwährend begleiten wird, aber wer suchet der findet – und mit unseren beiden knalligen Rädern vom Typ Finder sollte das ein Klacks sein.

Warum aber eigentlich ausgerechnet durch Afrika heimreisen fragen sich jetzt sicher einige … Für die eine im Bunde ist dieser Kontinent ein vormals blinder Fleck auf der Weltkarte, für die andere Forschungsgebiet für Familiengeschichte – Tanjas Schwester lebt in Kapstadt, ihre Mutter wurde in Tanzania geboren und die Spuren ihres Urgroßvaters werden in Malawi zu suchen sein. Inzwischen haben wir Südafrika erfolgreich vom südlichsten Zipfel des Kontinents – Cape Agulhas – gen Norden radelnd durchquert und stehen jetzt vor den Toren Namibias, dem zweiten Land auf der Liste.

Schon in den ersten drei Wochen durften wir unser etwa 45kg schweres Setup auf den unterschiedlichsten Untergründen einfahren – steile asphaltierte Passstraßen, festgebackene Lehmstraßen, Waschbrettpisten, tiefer Sand, lose Steine und das alles bis auf 1.500m Seehöhe und eine Maximalgeschwindigkeit von knapp 60 km/h.

Südafrika hat eine kleine, aber begeisterte Radcommunity und so werden die Räder bei jeder sich bietenden Gelegenheit inspiziert und genauestens unter die Lupe genommen. Rohloff ist manchen ein Begriff, Pinion jedoch gänzlich unbekannt. Kein Wunder, dass eine der häufigsten Fragen ist, ob wir unsere Reise mit E-Bikes bestreiten. Und wir werden nicht müde, den komischen Kasten da unten am Rahmen wieder und wieder zu erklären und zu betonen, dass wir mit reiner Muskelkraft reisen.

Wir haben uns schon an das intuitive Schalten gewöhnt und feiern es jedes mal wieder, wenn wir uns nach einem plötzlichen Wildlife-Fotostopp wieder aufs Rad schwingen und uns kraftsparend wieder in Bewegung setzen können. Unsere aufstiegserprobten MTB Herzen schlagen im Takt mit dem regelmäßigen Tritt in die Flatpedals gegen die Trägheit der Masse.

Wir sind auf die meisten Pannen und Wartungsarbeiten am Rad vorbereitet und haben vor ein paar Tagen spaßeshalber gewettet, wann wir das erste Mal flicken müssen, und prompt bescherte uns am selben Abend auf einer verlassenen Farm ein Dorn des »Devils Kiss« den ersten »Patschn« – wie man in Österreich so schön sagt. Die Wette haben wir also beide verloren, das Rad aber trotz Finsternis in Windeseile wieder fit bekommen.

In unseren Packtaschen transportieren wir um die 25 Kilogramm pro Person und Rad, inklusive Proviant und jeder Menge Trinkwasser – Organisation ist alles, wenn man Kekse, Sonnencreme, Kartenmaterial, Kameras etc. gerne schnell bei der Hand hat, das Essen erreichbar, aber affensicher verstaut wissen möchte, und die frisch gewaschene Wäsche auf dem ersten Fahrkilometern des Tages noch lufttrocknen soll.
Wir erproben , ökonomisieren und die Abläufe werden immer routinierter, die Räder glänzen inzwischen auch nicht mehr so provokant sauber und wir haben Freude daran, uns mit Zelt, Solarpanel und Kocher in die Einöde vorzuwagen.

Die Vorbereitungsarbeit hatte unseren Sommer fest im Griff, war phasenweise sehr intensiv und mit viel Recherchearbeit und grundlegenden Entscheidungen gespickt, und manchmal können wir noch gar nicht recht glauben, dass es schon so weit ist … Aber wir sind unterwegs und es gefällt uns!

Roaming Pedals auf:

  1. auf Wordpress
  2. auf Instagram
  3. im ORF.at

Immer die Anderen

Roaming-Pedal Blog – 13. Oktober von Tanja

Ein Thema, das wir vor lauter Liebe zum Radln und angesichts der überwältigenden Landschaft und aufregenden Tierwelt noch etwas stiefmütterlich behandelt haben, das sind die Menschen.Ich möchte nicht wieder von der Offenherzigkeit und Gastfreundschaft, von Begeisterung und Bewunderung erzählen, die zwei weißen Frauen auf bunten Fahrrädern widerfährt, sondern von dem bitteren Erbe einer schrecklichen Geschichte, das sich in latenter Angst und Absonderung, in oft kategorisierender und radikaler Sprache, in Zäunen und Unzufriedenheit niederschlägt.

Ich kann nicht behaupten, die Situation verstanden zu haben, aber wir haben viel gehört, gesehen und gelernt. Aber wo soll man anfangen …?! Der erste Eindruck, den jeder Mensch hat, der zum ersten Mal in Kapstadt landet, sind die Townships aus Wellblech-Unterkünften und Billighäusern, die sich kilometerlang entlang der Autobahn erstrecken. Und etwas später die Weißenviertel mit ihren hohen Zäunen und Überwachungskameras. Daneben die schwarzen Obdachlosen, die im Stadtzentrum in Zelten an stark befahrenen Straßen wohnen und Mistkübel ausräumen.
Wie dem aufmerksanen Mitreisenden aufgefallen sein wird, haben wir im letzten Monat viel Gastfreundschaft von unterschiedlichsten Menschen erfahren. Fangen wir mit den Gemeinsamkeiten an: Sie waren zum allergrößten Teil sehr gläubig und alle, was man nach dieser längst überholten Kategorisierung nach Hautfarbe als weiß bezeichnen würde. Sie waren sich auch alle höchst einig in ihrem Misstrauen gegenüber der Politik, dass die (übrigens schwarze) Regierung Südafrikas korrupt ist, zu wenig Intelligenz in ihren Reihen zu verzeichnen hat und das Land in vielerlei Hinsicht den Bach hinunter geht oder bereits ging. Und ganz einstimmig konnten sie auch alle bestätigen, dass die fleißigen und guten Menschen aus Malawi die besseren Arbeiter*innen und Haushälter*innen abgeben als die „eigenen“ (schwarzen) Leute. Schlussendlich unterschieden haben sie sich jedoch im Grad der Angst und Frustration und den daraus resultierenden Statements. Wir haben von diesem weißen Grundbesitzer gehört, der die Peitsche am Gürtel trägt und seine Arbeiter als sein Eigentum betrachtet, und gegen ihn die Karte mit Chrisjan dem Schaffarmer gespielt, der seine Arbeiter wie seine eigene Familie behandelt, sie als Rückgrat seines Unternehmens erkennt und wertschätzt und mit einem lässigen klatscher auf seinen Handrücken erklärt »t’s only skin …«
Wir haben den hochintelligenten Uniprofessor die unglaubliche Aussage machen hören, es herrsche heutzutage wieder Apartheid, nur diesmal umgekehrt, weil seine Stelle halbjährlich mit unterqualifiziertem schwarzen Personal besetzt würde, um die von der Regierung vorgegebenen Quoten einzuhalten. Genauso verärgert ist der Schüler, der schwarze Mitschüler mit mangelhafter Leistung – für die Quote – aufsteigen sieht, während er sich abrackert, oder die hellhäutige Ladenbesitzerin, die für ihr Geschäftslokal Miete zahlt, die ihren dunkelhäutigeren Geschäftsnachbarn erlassen wird.
Ja, in diesem Land herrscht Ungleichheit in alle Richtungen und in jeder Hinsicht. Angst und automatisierte Schuldzuweisungen angesichts des während einer Geschichte von Kolonisation und Apartheid angekurbelten Teufelskreises aus Unterdrückung, Vetreibung, mangelnder Bildung, Armut, Drogen- und Alkoholproblemen, Kriminalität und sogar Homizid (Stichwort Farmmurders) ist ein Generationen überdauerndes Problem, dessen Auflösung nicht in erreichbarer Nähe scheint.
Johanna, eine herzensgute Pensionistin, die mit ihrem Mann Albert in einem wunderschönen Haus mit großem Garten am Rand von Calvinia lebt, kennt Zeit ihres Labens nichts anderes. Sie sperrt die Gartentore schon lange nichr mehr zu, da es ohnehin keinen Sinn macht. Wirklich sicher ist nur, was im Haus hinter Tür- und Fenstergittern ist. »It’s not like they break in and kill you, but they will steal everything from the Garden.« Nicht einmal mussten wir nachdenken, wen die weiße Bevölkerung in diesem Land mit „they“ meint.
Wo soll man da überhaupt beginnen, die richtigen Fragen zu stellen, sich zu wundern und den Kopf zu schütteln? Sogar für uns war es extrem schwierig, mit der nicht-weißen Bevölkerung dieses Landes über die üblichen Dienstleistungen hinaus (Verkäufer*in, Uberfahrer, Security …) in Kontakt zu kommen, da man als Weiße von Weißen sehr schnell gesehen, angesprochen und unter ihre Fittiche genommen, wenn nicht sogar beschützt wird.
Den wohl eindrücklichsten Einblick haben wir so also in die Afrikaanse Kultur, die Kultur der boers (Bauern) im Landesinneren bekommen. Gehässige würden bei dem Wort Kultur in diesem Zusammenhang die Augen rollen. Werden doch die Nachfahren der Holländer, jene Menschen, die bedrängt durch die Briten von der Küste ins Landesinnere vorgestoßen sind und dort begonnen haben, das karge Land zu bewirtschaften, oft belächelt oder als grobschlächtige Rednecks dargestellt. Sie fahren weiße Bakkies (PickUps), trinken Brandy and Coke, essen und erzeugen Biltong (getrocknetes Fleisch aus Rind, Kudu und anderen Böcken), haben ihre eigene Sprache (eine simple form von Holländisch) und ihre eigenen Schulen. Nicht selten hört man in der Beschreibung einer Gegend, einer Veranstaltung oder einer Gruppierung schmunzelnd das Attribut »very afrikaans« …
Was der Südafrika-Neuling vielleicht nicht vermuten würde: Auch die dunkelhäutige Bevölkerung spricht teilweise nur afrikaans – ironischerweise die Sprache der Unterdrücker – mit Englisch ist dann nicht mehr viel anzufangen. Trotzdem unterhielten wir uns in einer lustigen Mischung aus Holländisch, Deutsch und Englisch blendend mit Chrisjan, einem Restaurantarbeiter, der uns freundlicherweise die Tore öffnete und uns ein verstecktes Plätzchen für unser Zelt anbot.
Wir wurden an der wilden Westküste von einem Paar zu einem »very afrikaans festival«, dem Weskustfestival, mitten in der Wüste mitgenommen. Es wurde musiziert, getanzt, Bandy and Coke getrunken, gebraait (gegrillt), es gab einen potjie(Eintopf)-contest, biltong und Schnickschnackstände. Johanna meinte treffend: »Das ist wie auf einem mühlviertler Dorffest.« Wir hatten einen wunderbaren Abend. Auf einem anderen Fest, in das wir zufällig reingeradelt sind, trafen wir einige aus Kapstadt angereiste Musiker, die für die Bewohner des lokalen Townships musizierten, so dass diese ihren traditionellen Rieldance auf dem staubigen Hauptplatz stampfen konnten.
So viele Bevölkerungsgruppen nennen Südafrika ihr Zuhause, egal ob ursprünglich britischer oder holländischer Herkunft oder schon immer da … Heute sind sie alle hier geboren, es gibt kein »zurück nach Europa« und jede Familie trägt ihre Geschichte und lebt ihre eigene wertvolle Kultur. Schwarz ist nie schwarz und weiß ist nie weiß, aber es wird immer »die Anderen« geben – so viel denken wir gelernt zu haben.

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