EHBE 2010 – zurück in die Zukunft

28. Mai 2010  |

Am Pfingstwochenende fand die »European Handmade Bicycle Expo 2010« in Schwäbisch Gmünd statt.

Zum zweiten Mal traf sich die europäische Rahmenbauszene, inklusive dem mal mehr oder weniger zugehörigen Umfeld, in der Schwäbischen Provinz.

Unser Interesse an dieser Messe wurde eigentlich von Herstellerkollegen wie Kunden geweckt, die meinten: »Da passt ihr auch hin«.

Allerdings blieben ein telefonischer und ein per E-Mail unternommener Anmeldungsversuch ohne Erfolg, was wir einfach mal dahin gehend interpretiert haben, dass wir nicht »handmade« genug sind. Angesichts des »normalen« Frühjahrstress waren wir darüber auch nicht soooo unglücklich…

Eine bunte Szene, die ihr »Ding macht«

Als wir am Sonntag unsere Fahrräder vor dem Kongresszentrum parkten, befürchteten wir schon, dass wir uns in Zeit oder Ort vertan haben. Denn, im Vergleich zur ähnlich großen SPEZI, waren weder Leute noch Fahrräder zu sehen – von Menschenschlangen an der Kasse ganz zu schweigen. Auch im Kongresszentrum selbst ging es dann sehr luftig zu, was die Besucheranzahl anging. Eindrucksvoll war dafür die Vielzahl an Ausstellern.

Dem Flair und der Qualität der Messe taten die fehlenden Besuchermassen aber keinen Abbruch, zumindest nicht für uns, die wir einfach einen Einblick in eine sehr spannende »Szene« bekommen wollten. Eine »Szene«, die nicht so einfach zu beschreiben und definieren ist. Unter dem Attribute »handmade« sammelten sich viele, viele Rahmenbauer – nicht selten Ein-Mann-Betriebe und natürlich verschiedene Komponenten-Hersteller. Die verblüffend große Anzahl junger und neuer Rahmenbauer zeigt, dass es wieder einmal ein USA-Trend über den Teich geschafft und der fast verschwundenen europäischen Rahmenbau-Tradition neues Leben eingehaucht hat.

Zu verdanken ist dies sicherlich dem Fixies-Kult, der Wiedergeburt der Bahnrad-Ästhetik, der Wiederentdeckung von Randonneuren als »Long-Distance-Bikes«, und, und… Natürlich spielen auch Megatrends, wie Individualisierung, Selbstbestimmung, ethischer Konsum und die Kommunikation und Vernetzung durch das Internet eine große Rolle.

Only steel is real

Stahl als Rahmenbaumaterial ist natürlich unbestritten die Nummer »1«auf der EHBE. Hier gab es Fantastisches zu sehen, wenn auch der Wettbewerb um die ausgefallensten und coolsten Details manchmal wilde Blüten treibt. Dabei scheinen sich die Rahmenbauer insbesondere hinsichtlich der Filigranität gegenseitig übertreffen zu wollen. Man könnte fast von einer Magersucht bei Fahrradrahmen sprechen. Unberührt von dieser hinsichtlich der Rahmensteifigkeit und Fahrsicherheit problematischen Magersucht, ist die handwerkliche Ausführung und der Ideenreichtum zum Teil atemberaubend.

Auch wenn vieles auf der EHBE einer Reise in die »gute alte Fahrrad-Vergangenheit« anmutete – hier traf sich eine junge und kreative Fahrradszene, die sich nicht nur möglichst stark vom Mainstream und etablierten Marken abheben will. Die handgemachten Fahrrad-Unikate sind auch Ausdruck eines Lebensstils und einer Selbstverortung, ein Stahl- und Fahrrad gewordenes Wertesystem, bei dem persönliche Lebensträume im Mittelpunkt stehen.

Dass dabei manchmal unreflektiert historische »Irrtümer« nachgebaut, wiedergekäut oder wiederbelebt werden und manches Rahmenbau-Kunstwerk sich nicht ansatzweise mit der hohen Funktionalität eines modernen Rahmens messen kann und wahrscheinlich gar nicht will, gehört einfach dazu. Hier bauen Freaks für Freaks und so passt das schon.

Wir haben zwar auf der EHBE nichts gesehen, was einen Velotraum-Rahmen funktional verbessern könnte, aber wir haben eine Lebendigkeit und Inspiration gespürt und mitgenommen, die sich sicherlich in irgendeiner Form und Weise auch in Velotraum-Rahmen niederschlagen wird.

fahrstil – ein neues Radmagazin

Die Erstausgabe des neuen Fahrrad-Magazins fahrstil mit dem Thema »handmade« transportiert den Geist dieser Fahrrad-Avantgarde übrigens ganz wunderbar. Vielleicht manchmal etwas zu dick aufgetragen und überhöht, wird hier den »von Hand gemachten Fahrradunikaten« im Feuilleton-Stil gehuldigt. Die auf den ersten Blick happigen 15 EUR lohnen sich nicht nur wegen der exquisiten Texte und Fotos, die Erstausgabe beinhaltet zudem den Ausstellerkatalog der EHBE.

Fazit. Als Besucher werden wir sicherlich sehr gerne die nächste Handmade-Messe im charmanten Schwäbisch Gmünd wieder besuchen, als Aussteller im Moment wohl eher nicht.

Weitere Eindrücke von der EHBE 2010 gibt es hier.

Kommentare

  1. Harry am 19. Juni 2010:

    Zitat: “was wir einfach mal dahin gehend interpretiert haben, dass wir nicht »handmade« genug sind.”

    ich vermute eher mal dass es daran lag, dass Ihr schlicht und einfach nicht “European made” seid, wofür diese Messe ja gedacht ist. So ziemlich alle deutschen (und europäischen) Radlmarken machen es wie Ihr: Konzeption in DE/EU, Herstellung in Fernost. Sollten die dann alle auf der Messe vertreten sein dürfen, nur weil ihr Firmensitz in Europa ist…?

  2. DIN am 24. Juni 2010:

    Auch wenn EHBE und EFBe (Prüftechnik) lautmalerisch sehr verwandt sind, würde man wohl keine enge Freundschaft eingehen wollen, wenn man sich begegnete… ;-)

  3. V. Orsich am 24. Juni 2010:

    Mein lieber Scholli DIN, vielleicht musste bissel vorsichtiger sein, mit Deiner Unterstellung von mangelndem Technikverständnis oder gar Blauäugigkeit (okay, Dein Augenzwinkern hab ich schon gesehen).

    Ein Beispiel mal eben: Julie Racing Design (JRD; Kris und Julie Vacheron aus Dreux, irgendwo mitten in Frankreich).

    Julie widerspricht solchen oder ähnlichen Vorwürfen:
    As Julie was happy to explain, there is a sound raison d’être behind each of their design features.

    “Nothing is added just for the sake of being different – it also has to be functional. We want to make bikes that are beautiful – but bikes that work too!”

    Bild 1
    Bild 2

    Das sieht doch wirklich weder nach handwerklichem Nicht-Können, noch nach Praxisuntauglichkeit aus, oder?

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