Zu Gast beim Bike Brainpool

18. Oktober 2015  |

Regelmäßig über den Tellerrand zu schauen gehört zu den Dingen, die eigentlich unverzichtbar sind, denen man aber wegen Zeitmangel gerne mal ausweicht.

Insbesondere dann, wenn die Einladung zur Horizonterweiterung noch mit einem eigenen Beitrag, in Form eines Impuls-Vortrags, kombiniert wird.

So war das Angebot von Ulrike Saade – die Organisatorin des Bike Brainpool – einen kurzen Vortrag zum Thema E-Commerce zu halten erstmal schmeichelhaft. Allerdings waren damit auch viel Arbeit und eine gewisse Fallhöhe verbunden, schließlich gehörten zu den Referenten Verkehrsminister Winfried Hermann, der Internetstores-COO Ralf Kindermann und der Wirtschaftswissenschaftler sowie E-Commerce Koryphäe Gerrit Heinemann.

Der Bike Brainpool (BBP) beschreibt sich selbst als »ein Kreis engagierter und namhafter Vertreter der Fahrradbranche, die über Wettbewerbs- und Verbandsgrenzen hinweg am gemeinsamen Ziel arbeiten, das ›Fahrradfahren‹ zu fördern«. Am 15. und 16. Oktober war BBP-Mitglied Paul Lange der Gastgeber und die beiden Themenfelder waren »Mobilität der Zukunft« und »E-Commerce und Omnichannel-Handel«.

Für den Chronisten waren die beiden Tage ausgesprochen lehr- und aufschlussreich und zwar unter völlig verschiedenen Gesichtspunkten.

Mobilität der Zukunft

Es ist bewundernswert, wie der Grüne Verkehrsminister Winfried Hermann, trotz heftiger Anfeindungen, weiterhin an seiner Fahrrad-Überzeugung festhält, denn abgesehen vom Zufußgehen »ist die Fahrrad-Mobilität nicht nur die umweltfreundlichste, sondern auch die preiswerteste Mobilität«. Das von Hermann vorgestellte Fahrrad-Verkehrskonzept ist für das Auto-Bundesland Baden-Württemberg durchaus ambitioniert, auch wenn es dem P.-Lange-Chef und leidenschaftlichen Radverkehr-Verfechter Bernhard Lange zu wenig ist und ihm alles zu langsam geht.

Als Alltagsradler kann man dem Lange-Chef nur zustimmen, allerdings wurde in dem Vortrag auch klar, dass das Land sehr stark auf den Bund, die Landkreise und Kommunen angewiesen ist (Subsidiarität-Prinzip) und die Prozesse eine langsame und zähe Angelegenheit sind –, vom wünschenswerten Kulturwandel in den Köpfen ganz zu schweigen.

Doch es bewegt sich auch etwas. Vor einem knappen Jahr waren der neue Weil der Städter Bürgermeister Schreiber und die Beigeordnete Widmaier bei uns zu Besuch und jetzt am 22. Oktober kommt es zum ersten »Runden Tisch Radverkehr« mit dem neuen Fahrradbeauftragten der Stadt!

E-Commerce

Den eher zähen und langsamen Entwicklungen in der Verkehrspolitik steht die unglaubliche Schnelligkeit und Dynamik des globalisierten E-Commerce gegenüber. Wurde die erste Revolution durch das WWW ausgelöst, folgt nun die zweite Revolution durch das internetfähige Smartphone und das damit einhergehende zu jeder Zeit, an jedem Ort und sofort.

Es ist geradezu atemberaubend, wenn man die rasante Veränderung der Handelsstrukturen und des Kaufverhaltens sowie die neuen und immer höheren Anforderungen (Omnichannel…) an den Handel mal so geballt aufbereitet bekommt, wie im Vortrag des Wirtschaftswissenschaftlers Heinemann. Kaum ein gutes Haar ließ Heinemann an den großen deutschen Handelskonzernen und dem deutschen Einzelhandel. Wenn dann noch eloquente und charmante Supermänner wie Kindermann ihr phänomenales Erfolgsrezept präsentieren (120.000 Räder 2014), dann fühlt man sich zumindest in diesem Umfeld und Kontext ziemlich (und berechtigt) bedeutungslos.

Transformation

Die spannende Frage ist nun, was hat das alles mit Velotraum zu tun?

Hinsichtlich der Verkehrspolitik ist es vergleichsweise einfach. Da leben wir weiter unsere Überzeugung und radeln einfach vor, um wie viel praktischer und beglückender es ist Fahrrad zu fahren. Und wir werden auch weiterhin jede Gelegenheit nutzen in »Politik und Gesellschaft« für das Fahrradfahren zu werben.

Etwas schwieriger ist es auf der unternehmerischen Seite. Zum einen entspricht die Velotraum-Unternehmensphilosophie durchaus den Megatrends wie Individualisierung, Glaubwürdigkeit, Kundennähe, Partnerschaft usw.; andererseits und überspitzt formuliert, werden wir von Umsatz- und Expansions-getriebenen Entwicklungen überrollt. Wir sitzen zwar in einer kleinen und feinen Nische, allerdings sind wir der Überzeugung, dass selbst Nischen von den globalen und gesellschaftlichen Umwälzungen nicht verschont bleiben.

Wir lassen uns davon (nach einer kurzen Phase der Einschüchterung) jedoch nicht Bange machen, nehmen aber diese Veränderungen sehr ernst und werden sie in Zukunft nicht mehr aus den Augen verlieren. Sicherlich wird Velotraum auch in Zukunft kein expansionsgetriebenes Unternehmen werden. Allerdings werden wir uns genauer überlegen, wie wir von diesen neuen Entwicklungen und Anforderungen lernen können, ohne unsere bisherige Geschäftsphilosophie in Frage stellen zu müssen. Ganz im Gegenteil, auch in unseren vermeintlichen Domänen gibt es noch genügend Spielraum besser zu werden. Dementsprechend lautete die Überschrift des Velotraum-Veranstaltungsbeitrags auch: »In der Nische dem E-Commerce die Stirn bieten.«

Kommentare

  1. Stefan aus Braunschweig am 18. Oktober 2015:

    Hallo Stefan,

    aus meiner Berufserfahrung (bei mehreren Unternehmen) in Einzelhandel und Vertrieb weiß ich, langjährige Tradition und bisheriger Erfolg sind eine Sache.
    Wer allerdings (wie eines der Unternehmen) glaubt, nicht mit der Zeit gehen zu brauchen, der…
    Man muß sich sicherlich nicht komplett neu erfinden…nur weil wir uns als Gesellschaft rasch verändern. (ob das alles immer sinnig ist sei dahin gestellt)
    Man sollte als Hersteller/Anbieter nur rechtzeitig darauf reagieren!
    Die deutsche Foto- und Fernsehindustirie hat genau das zu spät erkannt.
    Wenn ihr als Veloträumer von nun an wachsam und in Teilbereichen zeitnah wandelbereit seit, ist das ein gutes Zeichen!
    Habt ihr ja schon damit begonnen.
    Zeitgemäße Fahrräder, auf denen das Fahrgefühl einmalig erhaben ist…
    Ich bin mir sicher, das bekommt Velotraum auch zuküntig, weiter in Klasse statt Masse, hin…
    Und nach wie vor mit persönlicher Beratung!.

  2. Rainer Bohnet am 19. Oktober 2015:

    Ich bin der Überzeugung, dass Velotraum auf dem richtigen Weg ist. Trotz oder wegen der Globalisierung legen immer mehr Menschen ihren Fokus auf Individualität, Nähe und Qualität. Und diese Parameter werden von Velotraum erfüllt.

  3. E. Uropa am 19. Oktober 2015:

    »Megatrends wie . . .Glaubwürdigkeit, . . .«

    Der regelmäßige Zeitungsleser kommt bei diesem Stichwort in diesen Tagen ums sarkastische Schmunzeln, glaube ich, nicht herum: FIFA, DFB, VW, Merkel setzt die Dublin III-Verordnung faktisch außer Kraft, 90% der durch amerikanische Drohnen Getöteten sind Unbeteiligte,. . .

  4. Hartmut aus Bielefeld am 20. Oktober 2015:

    Hallo Stefan,
    als begeisterter Veloträumer schaue ich immer wieder gerne auf eure Internetseite. Zu deinen Ausführungen fiel mir der Artikel von Prof.Dr. Alexander Deichsel und Christian Schmidt vom Institut für Markentechnik Genf ein. Hier der Link. Der Titel: Marke ist gebundene Freiheit.
    Ich bin überzeugt davon, dass ihr auf dem richtigen Weg seid.
    Viele Grüße aus Bielefeld

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