Frauen in der Fahrradbranche:
Annette Blum von velophil Berlin
Frauen in der Fahrradindustrie: Wir haben nachgefragt bei unseren velotraum-Partnerhändlern, speziell bei denen, von denen wir wussten, dass dort Frauen arbeiten – von der Geschäftsleitung, über den Verkauf bis zur Werkstatt.
velophil Berlin gibt es bereits seit 40 Jahren. velotraum ist bei den Feierlichkeiten am 30. Mai 26 dabei. Hohe Qualität und Zuverlässigkeit zeichnen die angebotenen Räder bei velophil aus, dazu kommen hervorragende Beratung und Service. Damit ist velophil der perfekte velotraum-Partnerhändler. Auch Radreisen und -events werden bei den Berliner*innen angeboten.
Zur Person: Annette Blum
Stell dich kurz vor. Wie heißt du, was sind deine Aufgaben bei velophil, seit wann bist du dabei?
Annette Blum: „Annette Blum, eine der beiden Geschäftsführenden bei velophil. Fahrradhandel. Im Fahrradladen tätig seit locker 30 Jahren, Werkstatt wie Verkauf. Derzeit vor allem im Verkauf bin ich unter anderem auch für unsere Homepage verantwortlich“
Was war zuerst: die Liebe zum Fahrrad oder die Mitarbeit bei velophil?
Annette Blum: „Ganz klar die Liebe zum Fahrrad. Das Freiheitsvehikel schlechthin.
Am Anfang standen Sperrmüllfahrräder, die ich mir selbst wieder zurechtgeschraubt habe, damals konnte man noch echte Antiquitäten finden mit Glockenlager und so. Später, als ich es mir leisten konnte, kamen dann die schickeren Fahrräder.
Aktuell: ein geländegängiges Rohloff-Reiserad (velotraum-Finder), ein Gravelrad von Stevens, ein Alltagsrad auf Basis eines VSF-Fahrradmanufaktur-Rahmens, ein Ausflugsrad auf Basis eines modifizierten, sehr leichten MTB-Stahlrahmens von Schwinn mit selbstgebautem Edelstahl-Gepäckträger, zwei MTBs (mit und ohne E), ein weiteres zum Reiserad umgebautes MTB mit Stahlrahmen (obsolet dank Finder), ein klassisches Brompton, ein Brompton G-Line, ein 70er-Jahre-Klapprad sowie diverse Projekte.
Und: im Fahrradladen arbeiten wollte ich schon immer! Mein Ikigai (japanische Lebensphilosophie: ‚das, wofür es sich zu leben lohnt‘).“
Was ist dein liebster Radfahrmodus: Pendeln, Radreise, Gravel, Rennrad, Touring?
Annette Blum: „Graveltouren, Ausflüge mit Brompton und Zug / Brompton und Packraft, Radreisen, Alltagsradeln, MTB-Ausfahrten“.
Fährst du auch allein Radtouren, kannst du eine Panne beheben?
Annette Blum: „Ich habe 20 Jahre lang eine Fahrradwerkstatt geleitet, also: ja.“
Hattest du jemals Probleme, in der „männerdominierten Fahrradwelt?“ ernstgenommen zu werden? Wenn ja, hast du ein Beispiel?
Annette Blum: „Seltene Fälle, über die wir heute noch lachen. Der Kollege aus München z.B., der im Rahmen eines Angestelltentauschs eine Woche lang bei uns gearbeitet hat. Er konnte und wollte nicht glauben, dass wir als Mechanikerinnen ernstgenommen werden (über viele Jahre waren wir eine rein von Frauen besetzte Werkstatt) und hakte immer wieder nach: wenn wir bei Lieferanten anrufen? Bei Kunden? Bei Reklamationen? Drollig.
Das ist wohl das Nord-Süd-Gefälle. Auf Fortbildungen, Seminaren oder Ähnlichem sind es meist die süddeutschen Männer, die unangenehm auffallen. Norddeutsche Großstädter geben sich in der Regel eher weniger die Blöße, mit Herrenwitzen und überkommenen Ansichten aufzufallen. (Was nicht heißt, dass sie die insgeheim nicht haben…).
Allerdings gab es auch bei einem unserer norddeutschen Hersteller tatsächlich einmal einen Reklamationsbeauftragten der mir sagte, er würde nie bei einer Frau ein Fahrrad kaufen.
Das war aber ohnehin ein Stinkstiebel.“
Hast du das Gefühl, dass sich für Frauen in der Branche in den letzten Jahren etwas geändert hat? Wenn ja, was?
Annette Blum: „Es wird sich sehr viel mehr Mühe gegeben, diskriminierendes Verhalten zu hinterfragen.“
Wünschst du dir mehr Frauen in der Branche? Wenn ja, warum?
Annette Blum: „Auf jeden Fall! Zum einen, weil ich, wie eigentlich alle meiner Kolleg*innen sehr an gemischte Teams glaube.
Auch aus Kunden- und Kundinnensicht wäre das positiv. Viele Frauen freuen sich, von einer Mitarbeiterin beraten zu werden, auf Augenhöhe und mit Verständnis. (Sattel!).“
Was würdest du Frauen raten, die in der Fahrradbranche arbeiten wollen und denen, die als Kundin auf Augenhöhe beraten werden wollen?
Annette Blum: „Fachkenntnis und eine intrinsische Motivation zum Lernen sind unerlässlich. Niemand muss Shimano-Teilenummern auswendig herbeten können, aber Bescheid wissen müssen alle Mitarbeitenden. Wenn diese Motivation da ist: trauen!“
Gibt es bestimmte Fahrradkomponenten, die du dir speziell für Frauen wünschst?
Annette Blum: „Leichtgängige Schalthebel, Funkschaltung für Rohloff auch für non-E-Bikes (beeilt euch mal bitte), kleine Gravelbikes mit angepasster Laufradgröße statt flachem Steuerrohrwinkel.“
Fazit von Annette: Annette hat sich von Beginn an bewusst für die Fahrradbranche entschieden und startete bereits mit Fähigkeiten als Schrauberin, die sie letztendlich in die Position als Werkstattleiterin brachten. Auch in Zeiten, wo Frauen wahrscheinlich noch seltener als heute in der Branche arbeiteten, setzte sie sich durch, sagt aber auch klar, dass Fachkenntnisse und intrinsische Motivation unabdinglich dafür sind. Insgesamt findet sie, dass Frauen der Branche guttun, im Laden-Team aber auch bei der Beratung von Frauen. Die Hersteller könnten ihrer Meinung nach aber Frauen als Kundinnen noch besser bei der Entwicklung ihrer Produkte berücksichtigen.