Frauen in der Fahrradbranche
Zum Auftakt: Patricia Rose


An einem kalten Februartag dieses Jahres beehren Patricia Rose und Stefan Stiener, die ehemaligen velotraum-Macher*innen, uns mit einem Besuch. Sie folgten meiner Einladung zu einem Interview, das ich mit Patricia im Rahmen meiner geplanten Serie „Frauen in der Fahrradbranche“ vorhatte.


Bei dieser Gelegenheit, aber in einem anderen Zusammenhang, verriet Stefan auch, was er in seinem „Unruhestand“ ersonnen hatte und worauf wir uns jetzt freuen können, nämlich seine neue Homepage Storytelling Stiener, auf der es selbstredend ums klassische Geschichtenerzählen und den Austausch mit den Leser*innen geht.

 

Nun aber zurück zu Patricia:

Ich wusste bereits, was Patricia alles für velotraum - und auch davor schon beruflich - geleistet hatte und wie sich ihr Werdegang dann ungefähr gestaltet hatte. Daher war mir klar, dass die Situation, eine von sehr wenigen Frauen in einer von Männern geprägten Welt zu sein an sich nie ein Thema für Patricia war, was sie auch sofort bejahte.
Dennoch hat sie diesbezüglich natürlich Erfahrungen gemacht und ein paar Tipps, die sie mit uns hier teilt, genauso wie ihre interessante Geschichte.
Während ich den anderen vier interviewten Frauen einen Fragebogen mit mehr oder weniger denselben Fragen schickte, entstand mit Stefan und Patricia eher ein gemeinsames Gespräch, nicht ohne den einen oder anderen interessanten Exkurs.
Ich starte mit meiner obligatorischen Eröffnungsfrage nach der Liebe zum Fahrrad:

 

Patricia, was war zuerst, die Arbeit bei velotraum oder die Liebe zum Fahrrad?

Patricia Rose: „Zuerst war die Liebe zu Stefan, dann kam das Radfahren und später die Arbeit bei velotraum. Stefan und ich haben uns im Architekturstudium kennengelernt. Er hat sich kurz vor der Diplomarbeit aus dem Studium verabschiedet und sich für velotraum entschieden. Ich bin noch eine ganze Weile bei der Architektur geblieben.“

 

Von der Architektur zu velotraum

Patricia war eine erfolgreiche Architektin. Zunächst in einem Architekturbüro, später als Regierungsbaumeisterin und Oberstadtbaurätin im öffentlichen Dienst tätig. Doch die Karriere als Beamtin machte sie nicht glücklich.

Patricia Rose: „Zum Glück habe ich erst einmal viele Jahre als Architektin gearbeitet. Der Beruf des Architekten ist unglaublich vielseitig und anspruchsvoll. Ob Projektleitung, Planung, Personalführung oder Budgetierung - man lernt sehr viel und ist breit aufgestellt. Das sind Fähigkeiten, die man auch in anderen Berufen gut gebrauchen und einsetzen kann. Schon fünf Jahre bevor ich bei velotraum eingestiegen bin, hatten wir ein Auge auf ein Grundstück geworfen und über einen Neubau nachgedacht, aber das passte damals noch nicht. Von Anfang an war ich bei velotraum in viele Entscheidungen, verschiedene Ladenausbauten und Messeauftritte involviert. 2008 war es dann soweit. Mit dem von mir geplanten Neubau für velotraum - das Grundstück war noch zu haben - mussten wir uns sehr intensiv mit allen Abläufen und der Zukunft von Velotraum auseinandersetzen. Dabei reifte der Gedanke, ob ich nicht grundsätzlich bei velotraum einsteigen sollte, immer mehr. Dieser Prozess war sehr spannend und hat viel in Bewegung gebracht, schlussendlich auch den sicheren Hafen meines Beamtendaseins aufzugeben. Diesen Schritt habe ich aber nie bereut.“

 

Bei velotraum warteten viele interessante, kreative Aufgaben

Patricia Rose: „Es gab viele neue Strukturen und Abläufe zu entwickeln, ob Lagerstrukturen, ein Planboard, in dem der Auftragsstatus immer ersichtlich ist, ein ERP-Systems mit webbasiertem Konfigurator, über den direkt bestellt und ein Auftrag generiert werden kann, Aufgabenbeschreibungen, Ressourcenplanung, Zeitmanagement usw. Das sind alles kreative Aufgaben und es macht mir Spaß Lösungen dafür zu finden.“

 

Und dann habt ihr auch das Hobby Radfahren zusammen betrieben?

Patricia Rose: „In meiner Studentenzeit habe ich mit zwei extremen Radfahrenthusiasten in einer WG zusammengewohnt. Sie haben mir das Radfahren eher verleidet. Stefan musste mich daher behutsam an das Thema heranführen. Obwohl er früher selbst Leistungssportler war, hat er mich überzeugt.
Zuerst unternahmen wir mit dem Tandem eine Radtour von Wien nach Stuttgart.
Danach sind wir zu meiner Schwester nach Neuseeland geflogen, um an ihrer Hochzeit teilzunehmen und haben das mit einer sechswöchigen Radtour verknüpft.
Ab da war klar: Es geht nur noch mit dem Rad in den Urlaub. Auch im Alltag und an den Wochenenden war und ist Radfahren für uns ein tolles Mittel, um abzuschalten, Abstand zu gewinnen und neue Ideen zu entwickeln.“

 

 

Hattest du jemals Probleme, in der Fahrradbranche als Frau ernstgenommen zu werden? Immerhin bist du sehr groß?


Patricia Rose: „Eigentlich nicht. Vielleicht habe ich mit meiner Größe sogar einen Vorteil, eher ernst genommen zu werden“

 

Und dann bist du auch noch blond.

Patricia Rose: „Das hatte für mich keine Bedeutung oder Auswirkung.
Im Kundenkontakt, sei es am Telefon oder auf Messen, spürt man manchmal schon Vorbehalte. Dann kommen Fragen wie: ‚Kann ich jemanden sprechen, der hier Ahnung hat?‘ Wenn ich dann freundlich zurückfragte, worum es geht und fundiert antworten konnte, kam auch manchmal der Kommentar: ‚Oh, Sie haben ja richtig Ahnung.‘
Aber ich merke ja auch an mir selbst, dass ich diese Vorbehalte in mir trage und davon nicht frei bin.
Es gibt Berufsgruppen, in denen Frauen einfach so wenig präsent sind, dass ich im ersten Augenblick überrascht bin und mich erst darauf einstellen muss und eher Zweifel habe. Das ist nicht so einfach abzulegen, auch als Frau nicht.“

 

Das Rätsel

Stefan erinnert sich an ein Interview mit dem Psychologen Dr. Bertold Meyer zum Thema: "Warum uns das Anders-Sein so herausfordert", das er in der Sendung SWR1 Leute gehört hatte. Es geht um ein „Rätsel“, das zeigt, wie sehr Geschlechterrollen in uns allen verankert sind.


„Vater und Sohn fahren im Auto. Sie haben einen schweren Unfall, bei dem der Vater sofort stirbt. Der Junge wird mit schweren Kopfverletzungen in ein Krankenhaus gebracht. Schon auf dem Weg dorthin wird ein medizinisches Team zusammengestellt wird, unter anderem auch die Koryphäe in der Unfallchirurgie.

Die Operation wird vorbereitet, alles ist fertig, als die Koryphäe erscheint, blass wird und sagt: "Ich kann nicht operieren, das ist mein Sohn!".

Frage: Wie kann das sein“

 

Ich hatte das Rätsel auch irgendwo gelesen und wir drei mussten zugeben, dass wir nicht auf die Antwort kamen.


Die Antwort ist: Die Koryphäe ist die Mutter des Kindes.

Dieses Rätsel soll auch verdeutlichen, dass das generische Maskulinum offiziell zwar alle Menschen mitmeint, aber nicht mitdenkt. Es entsteht ein falsches Bild im Kopf durch die Sprache. Daher brauchen wir eine gendergerechte Sprache aber auch ein Aufbrechen von Rollenmustern, zu welchem Frauen selbst am besten beitragen können.

Stefan Stiener: “Es ist brutal, wie man sofort an einen Mann denkt, oder? Koryphäe – obwohl es doch die Koryphäe heißt.“
(Bei dem Wort Koryphäe ist es mit der gendergerechten Sprache noch schwieriger, tatsächlich denken die meisten hier an einen Mann.)
Patricia Rose: „Ich finde es schon verrückt, wie das doch in uns drin steckt. Selbst in den Frauen. Da nehme ich mich überhaupt nicht aus. Da muss ich selbst sehr achtsam sein.“

 

Frauen und Technik

 

Könntest du, wenn du irgendwo liegen bleibst, einen Platten beheben?


Patricia Rose: „Früher konnte ich das auf jeden Fall, weil ich oft allein geradelt bin. Ich habe das Rad nämlich auch im Alltag zum Pendeln genutzt. Aber zum Glück hatte ich kaum Platten.
Mit den 27,5-Zoll-Reifen ist das für mich nicht mehr so einfach, weil die so schwer auf die Felge gehen.“
(Besonders tubeless-ready-Reifen sitzen sehr fest auf der Felge, da braucht es starke Fingerkraft.)

 

 

Meinst du, dass Frauen in technischer Hinsicht selbstbewusster auftreten und sich besser vorbereiten sollten, um im Fahrradladen im schlimmsten Fall nicht „von oben herab“ behandelt zu werden?

Patricia Rose: „Frauen sollten sich da einfach mehr zutrauen. Man muss vor allem Interesse mitbringen, ein gewisses technisches Verständnis und Vorstellungskraft. Natürlich wird man als Frau eher beäugt: Kann die das? kriegt die das hin? Und wenn man einen Fehler macht, wird er anders bewertet als wenn ein Mann einen Fehler macht. Das ist leider immer noch so.
Meine Erfahrung zeigt: Wenn ich meine eigenen Grenzen wahrnehme und damit offensiv umgehe, werde ich auch ernst genommen. Zu sagen: 'Sorry, aber bei dem Thema kenne ich mich zu wenig aus, da gebe ich Sie an eine*n Kollegen*in weiter' ist kein Problem.
Ich habe mich als Frau in der Fahrrad Branche und auch in der Architektur ernst genommen gefühlt.“

 

Ja, das wollte ich gerade fragen, ist das da ähnlich?

 

Patricia Rose: „Ja, es studieren mehr Frauen als Männer.“
Ja, es ist wie eine Literatur- und Geisteswissenschaft. Die hohen Positionen haben die Männer…
Patricia Rose: „…und die Bürochefs sind meist die Männer. Es gibt aber auch immer mehr Frauen, die auch eigene Büros haben. Gerade in der Architektur tut sich da viel, so meine Wahrnehmung.
Mir fällt dazu der veraltete Satz ein: Man muss seinen Mann stehen! Heute sagt man wohl eher, sich bewähren oder seine Sache gut machen.“


Ein sehr treffendes Abschlusswort von Patricia, die diese Maxime in ihrem Berufsleben gelebt hat. Herzlichen Dank für das aufschlussreiche Gespräch!

 

Für die jüngeren Generationen wird es hoffentlich einfacher. Unsere Partnerhändler, deren Chefinnen ich befragt habe, haben jedenfalls auch Schrauberinnen angestellt und dass Frauen Interesse an der Technik zeigen, beweist auch die hohe Nachfrage nach unseren Reparaturworkshops, die wir bisher im Rahmen des Jubiläumsjahrs veranstaltet haben.