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Roaming Pedals – Der Namibia-Bericht

Inzwischen haben die beiden Wienerinnen Tanja und Johanna Namibia durchquert und sind in Botswana.

Dazu haben uns »Roaming Pedals« einen kleinen Reisebericht samt Fotos geschickt – dafür schon mal ein herzliches Dankeschön an dieser Stelle nach Afrika.

Kleine Anekdote zur Einstimmung – Sonntag vor einer Woche klingelte es an der Haustür von Frau und Herr Velotraum. Davor stand unsere sichtlich aufgewühlte Nachbarin samt ihrem Handy. Darauf zeigte Sie uns Bilder von Ihrer Tochter, die gerade in Namibia urlaubte und dort »zwei Frauen auf Velotraum-Fahrrädern« getroffen hatte. Tja, da haben sich doch tatsächlich eine deutsche und österreichische Stecknadel im Heuhaufen respektive in der Wüste gefunden … In einem Land, das zweieinhalb mal so groß wie Deutschland ist und weniger Einwohner als Berlin hat, ist das ja auch naheliegend ;-)

№02 – Apfelstrudel in der Wüste

Von Tanja Willers und Johanna Hochedlinger

Namibia, das war Sand, Staub und Hitze in allen Farben und Formen. Das Radeln durch unendliche Weiten, neben uns hergaloppierende Oryx- und Springbockherden, zum Abendessen vorbeischauende Bergzebras, jede Menge Sterne, Sonnenauf- und -untergänge und herzerwärmende Begegnungen mit empathischen Touristen wie auch Einheimischen haben uns im vergangenen Monat gezeigt, warum sich Radreisen lohnt. Die von einem Tag auf den anderen in die Höhe schießenden Tagestemperaturen haben uns und eine von zwei Pinions zwar ordentlich zum Schwitzen gebracht – im Gegensatz zu unserem anhaltenden Flüssigkeitsverlust blieb es bei der Schaltung aber lediglich bei ein paar unbedenklichen Tropfen Öl.

Wir und unsere Finder fühlten uns auf den perfekt in Schuss gehaltenen Schotterstraßen im Südens des Landes zwischen Orange River, Pavianhorden und dem mächtigen Fish-River-Canyon sofort willkommen. Und auch Wochen später, nachdem wir die Einöde zwischen deutschnamigen Örtchen und Apfelstrudelpausen verlassen hatten und uns auf geteerten Hauptstraßen in Richtung Hauptstadt katapultierten, durften wir feststellen, dass uns sogar der Schwerverkehr mit seinen gut gelaunten Fahrern wohlgesonnen war. In der gruseligen Spezialsituation zweier aufeinander zufahrender und sich genau auf unserer Höhe treffenden Sattelschlepper, mussten wir jedoch schnell lernen, das hysterische Hupen neu zu deuten: Nicht mehr »Hallo, wie unglaublich schön, dass du da bist!« sondern »Runter von der Straße, sonst kann ich für nichts mehr garantieren!« ließ uns mehrmals einen zügigen Abgang in das sandige Bankett vollziehen. Unsere Rückspiegel haben sich, wenn auch schon mehrfach zusammengeflickt, neben dem stabilen Hinterbauständer zweifelsfrei als eines der wichtigsten Accessoires des Reiserades herausgestellt.

Trotz dieser vereinzelten gruseligen Situationen würden wir uns wieder und immer wieder fürs Fahrrad entscheiden, denn wirklich das Fürchten gelehrt hat uns die viel zu schnelle Mitfahrt auf der Ladefläche eines Pickups. Auf keiner Gravelroad, in keiner Nacht in freier Wildbahn und in keiner Mittagshitze hatten wir mehr Angst um unsere Leben und die auf dem Anhänger verzurrten Fahrräder, als auf dieser halsbrecherischen Autofahrt.

Wie es dazu kommen konnte? Die Wüste hat uns auf dem falschen Fuß erwischt – eine zu erwartende 230 Kilometer lange Durststrecke traf auf unsere bereits angerauhte Frustrationstoleranz. Nach einer wellblechartig gestauchten Straße, die wir über mehrere Tage in sengender Hitze und der gelegentlichen Staubpanier vorbeibretternder Safaritouristen lediglich mit heißen 5 km/h Durchschnittsgeschwindigkeit bestreiten konnten, sehnten wir uns nun nach kühler Meeresluft und guten Straßen. Tja, da kam die Mitfahrgelegenheit gerade recht …
An der Namibischen Küste verbrachten wir eine rauhe, aber wunderschöne Nacht an einem abgelegenen Strand zwischen den Verdunstungsbecken der örtlichen Salzwerke, Schaaren von Flamingos und Pelikanen und dem wild rauschenden Ozean. Die Meeresluft brachte unseren Bremsen in nur wenigen Stunden die komplette Tonleiter bei und noch heute erinnern sich die Bremsbeläge an besonders taureichen Morgenden an das salzige Erlebnis.

Apropos salzig: Radeln braucht zwar keinen Sprit, aber unser Stoffwechsel verlangt nach ungeheurer Energiezufuhr, für die wir generell Dank der meist guten Versorgungslage in Form von gemütlich auf dem Benzinkocher zubereiteten Nudel- und Linsengerichten und dem nicht mehr wegzudenkenden Erdnussbutter-Avocadobrot sorgten. Zwischendurch gönnten wir uns ausführliche Boxenstops und erfreuten uns an diesen radlfreien Tagen an Bienenstich und Oktoberfest-Brezen im urdeutschen Swakopmund und einem abenteuerlichen Mittagessen zwischen frisch zerteilten Rinderhälften und rauchenden Holzkohlegrills des Fleischmarkts von Katutura, einem Stadtviertel von Windhoek.

Und einige besondere Male konnten wir unser Glück kaum fassen, da wir nicht nur mit offenen Armen aufgenommen und mit den schönsten Dingen beschenkt wurden, die man sich als Reiseradler wünschen kann – eine warme Dusche ein Bett und frisch gewaschene Wäsche – sondern als Abwechslung zu zugegebenermaßen nicht immer ganz abwechslungsreicher, auf dem Boden zubereiteter Kost auch hie und da bekocht wurden. Über Curry, Kürbiscremesuppe, Zebrasteak und Oryxwürsten durften wir dann auch immer jede Menge Fragen stellen und bekamen tolle Einblicke in das Leben in einem der am dünnsten besiedelten Länder der Welt.

Auf unserem Weg in die somit recht überschaubare Landeshauptstadt kam uns zuletzt doch glatt der Gewinner des Südafrikanischen Radrennens »The Rhino Run«, zuvor, bei dem die Teilnehmer die 2.750 Kilometer von Plettenberg Bay in Südafrika nach Windhoek auf eigene Faust bewältigen müssen. Er hatte nur sieben Tage und 20 Stunden benötigt. Wir haben für nahezu das selbe Projekt knapp 40 Tage lang in die Pedale getreten und gut so, denn wir sind ja nicht auf de Flucht – auch wenn dies manchen Verwandten und Freunden oft logischer erscheinen würde. So stellten wir in wenigen Fällen die beiden guten Stücke auch mal an vertrauenswürdigen Orten unter, um an für uns ansonst unerreichbare Plätze wie die gigantischen roten Dünen von Sossusvlei oder die stoisch blickende Nashornfamilie und ein paar elegant stolzierende Giraffen per Anhalter zu erreichen und/oder per pedes zu erkunden.

Eine gute Vorübung für die vielen unradelbaren Nationalparks und Naturreservate von Botswana, dem vermutlich vorerst flachsten und elefantenreichsten Land unserer Reise. Mal sehen, was die Kalahari für uns bereithält :)

Liebe Grüße aus Botswana :)
Tanja + Johanna

Roaming Pedals auf:

  1. Podcast Drahtesel
  2. auf Wordpress
  3. im ORF.at

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